Espresso

Wie ich anfing für mich zu sorgen

Ein Beitrag von Petra Pfitzner

„Für sich sorgen“, das ist ja so ein Begriff, den man in der Selbsterfahrungsszene und der ein oder anderen Fortbildung häufig hört. Lange Zeit konnte ich mit dem Begriff nicht so recht etwas anfangen. Na klar sorg‘ ich für mich, mache Sport, ernähre mich ganz ordentlich und gehe nicht übermäßig spät ins Bett. So dachte ich damals, bis, ja bis… ich die Gewaltfreie Kommunikation kennen lernte. Als unsere Lehrer/in Katharina und Christoph (ich habe die Ausbildung in Steyerberg gemacht) uns die Begriffswelt und die Bedeutung der Bedürfnisse nahe brachten, vergoss ich viele Tränen des Schmerzes, wie viele von ihnen ich bisher viel zu oft vernachlässigt hatte. Durch das Seminar gestärkt und mit dem Knowhow ausgestattet, wie ich mir selbst Empathie geben kann, kehrte ich alsbald jedoch in meinen Alltag zurück und kurze Zeit später gut gelaunt in mein Lieblingscafé ein. In der Fensternische sitzt ein mir bekanntes Paar. Freundlich winken sie zu mir herüber und ich geselle mich mit meiner Tasse dazu. „Moin, wie geht’s, lange nicht gesehen, och ja ganz gut…“ Die Augen der Frau leuchten. „Also ich habe eine tolle Entdeckung gemacht“, verkündet sie und ihre Begeisterung kann ich deutlich spüren. „Ich hatte nämlich…“ und es folgt eine detaillierte Beschreibung zahlreicher Nahrungsunverträglichkeiten und ihrer Symptome. Damit hatte sie sich monatelang herumgequält, war von Arzt zu Arzt gerannt … Anteilnehmend hörte ich zunächst zu. „Ja, bestimmt nervig, so eingeschränkt zu sein…“ Kann den Satz aber gar nicht zu Ende sprechen, werde nicht gehört. Sie ist so richtig im Fahrwasser und erklärt mir jetzt, was genau mikrobiologisch auf Zellebene vor sich geht, wenn… sie erzählt und erzählt. Ich blicke zu ihrem Mann herüber, er guckt mich an als wolle er sich für seine Frau entschuldigen. In der Tat wird mein Bauch jetzt langsam rebellisch. „Dieser Ernährungskram interessierte mich doch überhaupt nicht, das hat doch nichts mit mir zu tun, bekommt sie gar nicht mit, dass mich das nicht interessiert, was denkt sie eigentlich, wie lange sie mich zutexten kann…“. Das Wolfsgeheul wird immer lauter, ich immer genervter, 10 Minuten höre ich bestimmt schon zu, ohne selbst wirklich etwas gesagt zu haben. Und das bei einem Thema das mich NULL interessiert. Wirklich: Null!

Ich lasse die Wortkaskaden weiter über mich ergehen und wende mich selbstempathisch meinem erstarkenden Ärger zu. Was will er mir sagen? Dass ich so gern gefragt worden wäre, ob mich das Thema Ernährung interessiert, ob ich bereit bin zuzuhören, weil sie mir von ihrem Leidensweg und ihrer Freude erzählen möchte, endlich wieder gesund zu sein. Und, vor allem, dass ich selber auch gern etwas sagen mag, auch gehört und gesehen werden möchte, mit dem, was gerade bei mir los ist. Genau, das ist es. Ich brauche Ausgewogenheit, ein Geben und Nehmen im Gespräch. Mein Bauch entspannt sich. Freundlich lächelnd schaue ich die beiden an. „Ich würde auch gern etwas erzählen!“.

Es ist als erreiche sie diese Information wortweise. Es ist als hätte ich bei einem Dampfer der durch die hohe See stampft alle Maschinen auf stop gestellt. Langsam, langsamer… noch ein paar Worte, dann: schweigen. Die zwei gucken freundlich zurück. Stille. Innerlich jubele ich. „Hurra, ich bin gehört worden!“. Und es ging so leicht. Einfach unglaublich. Ein ausgewogenes Gespräch kommt jetzt zustande. Wir klönen noch ein bisschen über dies und das, auch der Mann kommt jetzt zu Wort.

Mein Kaffee ist getrunken, ich zahle und verlasse zufrieden und nachdenklich das Kaffee. Früher hätte ich höflich zugehört, ausgehalten. Womöglich einen lieben Mitmenschen verurteilt, weil er sich von seiner Begeisterung tragen lässt ohne sich zu sorgen, wie lange die Zuhörgeduld der anderen Seite ausreicht. Heute habe ich für mich gesorgt. Danke, GFK!

 

31.01.2016 Petra Pfitzner – www.empathie-verbindet.de