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Umbauarbeiten

Ein Beitrag von Nora Hirshfeld

Die letzte Prüfung meines Studiums der Erziehungswissenschaften war der Anfang eines intensiven Lernprozesses, der seitdem anhält.
Meine letzte Prüfung beinhaltete den Umgang mit Konflikten als Thema. Ich beschäftigte mich dafür u.a. mit der Gewaltfreien Kommunikation im Vergleich zu anderen Herangehensweisen in der Konfliktvermittlung.
Was mir als ein großer Vorteil erschien, und sich seitdem auch absolut bewährt hat, ist, dass es bei der GFK ausreicht, dass eine von mehreren Konfliktparteien diese als Herangehensweise nutzt.
Der große Nachteil schien mir, dass ein aufwändiger Lernprozess davor steht. Und leider hat sich dieser Lernprozess als noch viel aufwändiger erwiesen als gedacht, denn mit dem Abschluss des Studiums fing für mich das Lernen erst
richtig an. Ich war noch so im Lernfieber und konnte das Marathonlernen für die Prüfungen nicht gleich hinter mir lassen. Ich hatte ein paar Tage frei und eine Freundin hatte mir ein Video mit einem Einführungsworkshop von Marshall Rosenberg geliehen. Beste Voraussetzungen.
Ich sah das Video exzessiv, spulte vor und zurück, schrieb einen Collegeblock fast voll, lernte Sätze und Dialoge auswendig. Für einige Tage war ich von der Umwelt abgeschnitten und mit dem Video allein. Ich dachte, ich hätte nun alles verstanden und sei auf alles gefasst. Dann telefonierte ich ahnungslos mit einigen Menschen aus meiner Familie und meinem Freundeskreis und dachte mir gar nichts dabei.

Aber was war das? Lauter Wölfe am Apparat! Das war mir so noch nie klar gewesen. Ich habe das zuvor niemals so gesehen!
Und, war ich darauf gefasst? War ich fit mit den Wölfen umzugehen?

Sagen wir, die GFK ist ein langer Weg und er geht nicht immer geradeaus.
Mühsam? Schon. Andererseits ist das alles wirklich interessant. Man lernt sich und die Menschen im eigenen Umfeld noch einmal ganz anders kennen. Es kommen immer wieder andere Aspekte in den Vordergrund, die man bis dahin so nicht wahrgenommen hat.

Ich lerne einerseits meine Mitmenschen anders verstehen und oftmals lerne ich sie überhaupt kennen, wo ich früher mehr die Oberfläche ihrer Ausdrucksweise gesehen habe, und andererseits lerne ich mich selber immer weiter kennen. Äußere und innere Verhaltensmuster ändern sich.

Am Anfang der Reise war ich viel mit einem Abgeschnitten-Sein von mir selbst konfrontiert. Mit einem mich selber nicht fühlen können. Einer Flucht in eine innere Taubheit und Gefühlslosigkeit, die mich wohl schon lange begleitet hat, die jetzt aber benennbar und wahrnehmbar wurde und in vielen Übungen immer wieder auftauchte. Irgendwann fing die Taubheit an sich aufzulösen und sich in Gefühle umzuwandeln, wenn ich darauf guckte, besonders, wenn jemand anders sie wahrnahm und akzeptierte.
Inzwischen gehe ich mir selber weniger verloren und bleibe zunehmend präsent. Dafür stelle ich fest, wie sehr ich mir manchmal die Ohren zuhalten möchte, um nicht zu hören, was die Menschen um mich herum sagen und denken.
In bestimmten Situationen setze ich mir dann auch ganz ordentlich Giraffenohren auf, mit denen ich immer mehr Erfahrungen mache. Verbindungen vertiefen sich dann statt abzubrechen, ich kann so verhindern, dass ich den Kontakt zu mir und zu der anderen Person zugleich verliere.

Eine der wichtigeren Entdeckungen für mich ist, mich mit den eigenen Wolfsohren wirklich zu akzeptieren. Ich muss mir nicht verbieten, diejenige zu sein, die ich im jeweiligen Moment bin. Es ist schön, wenn es hier und da gelingt, sich mitsamt der eigenen Wolfsmentalität zu akzeptieren und den Wolf zu akzeptieren – als einen Ausdruck von Gefühlen und Bedürfnissen.

Seit kurzem habe ich einen wichtigen Teil ergänzen können, der mir lange gefehlt hat in diesen intensiven Situationen, wenn ich in einen empathischen Raum gehe, mit einer anderen Person. Ich habe es zunächst nur verstanden einer anderen Person Empathie zu geben, ohne auf die Person, die ich bin, einzugehen.

Nun gelingt es mir zusätzlich, nachdem die andere Person gehört wurde, den Gesprächsprozess dahin zu führen, dass auch ich gehört und gesehen werde.

Endlich habe ich gelernt zu sagen: Möchtest du gerne hören, wie ich dazu stehe? Und jetzt hört mir die andere Person mit Interesse zu und ich erhalte das Geschenk bei den Menschen anzukommen, die mir wichtig sind.
Endlich reden wir nicht mehr nur aneinander vorbei. Endlich kommen wir beieinander an und es findet ein echter Kontakt, eine echte Verbindung statt.
Nicht immer, ich finde es auch anstrengend, da es hohe Konzentration von mir erfordert, und wenn ich eine Situation gemeistert habe, ruhe ich mich die nächsten 80 Situationen, in denen es möglich und im Prinzip hilfreich wäre, aus. Ruhe mich aus, so gut es geht mit meinen Wolfsohren, für die ich mir Ohropax besorgen möchte, damit ich keinen Krach höre, bis die Giraffenohren ausreichend stabil geworden sind in meiner Alltagswelt zu bestehen.