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Jenseits von politischer Korrektheit

Ein Beitrag von Adrian Oertli

Ursprünglich war politische Korrektheit einmal eine Bewegung, die mehr Sensibilität in unserem Sprachgebrauch schaffen wollte, bezüglich der Diskriminierung von Menschengruppen. Die Gewaltfreie Kommunikation hat damit eine große Gemeinsamkeit mit dieser Bewegung.

Ein zweiter Aspekt, der mit dem Begriff politischer Korrektheit in Verbindung gebracht wird, ist jedoch eine Forderung, auf all solch potentiell verletzenden Begrifflichkeiten zu verzichten.

Ein Beispiel was dies in der Realität heißt, zeigt die Forderung von britischen Studenten eines „safe space“, einen Schutz- und Sicherheitsraum, in der keine Diskriminierung, Belästigung und Hassreden gegen Frauen, Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle und ethnische Minderheiten erlaubt sind. Wer gegen diese Prinzipien verstößt, der wird aus diesem Schutzraum entfernt.

Auch gibt es Bemühungen, außerhalb dieser Schutzräume Menschen vom Reden abzuhalten, die potentiell beleidigende Äußerungen von sich geben. So kam es auch im Vortrag einer Menschenrechtlerin aus dem Iran dazu, dass sie ihren Vortrag über das brutale Vorgehen gegenüber Kritikern der iranischen Regierung unterbrechen musste, da sich muslimische Studenten in ihrem „safe space“ verletzt fühlten. Die Aktion, der Vortragenden den Beamer abzustellen, geschah absurderweise mit Unterstützung einer Fraktion von Schwulen und Lesben, die im Iran für ihre sexuelle Orientierung mit öffentlicher Hinrichtung bedroht sind. Auch scheinen einige politische Korrektheit einfordernde Individuen kein Problem damit zu haben, andere Menschen in ihrem „safe space“ zu verletzen, sobald diese sich einer anderen Moral wie der eigenen bedienen. Extrembeispiele sind, wenn Aussteiger aus dem islamistischen Extremismus wie Maajid Nawaz oder Ayaan Hirsi Ali, welche selbst arabischstämmig sind, wegen ihrer kritischen Äußerungen gegenüber dem Islam als Rassisten beschimpft werden (vgl. FAZ, Youtube).

Die gewaltfreie Bewegung setzt sich schon seit ihren Anfängen mit dem eigenen Verhältnis gegenüber bestehender Gewalt auseinander, welche sich ganz klar von obigen Auswüchsen politischer Korrektheit abgrenzt. Schon Mahatma Gandhi hatte diesbezüglich eine klare Haltung, welche sich in diesem Zitat besonders deutlich äußert:

 

Es ist besser gewalttätig zu sein, wenn wir Gewalt in unseren Herzen spüren, als unter dem Deckmantel von Gewaltfreiheit unsere eigene Impotenz zu verbergen. Es gibt Hoffnung, dass ein gewalttätiger Mensch gewaltfrei wird. Keine Hoffnung gibt es für denjenigen, der sich aufgegeben hat.“

 

Natürlich wäre es angenehmer, Menschen würden sich immer gewaltfrei einbringen. Aber ein auf tragische Art ausgedrücktes Bedürfnis bietet mir eine größere Chance auf Verbindung als Unterwerfung. Um Menschen Gewaltfreie Kommunikation zu vermitteln, empfinde ich es deshalb als hilfreich, nicht mit dem 4-Schritte-Modell (Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte) zu beginnen, sondern erstmal die Haltung dahinter zu vermitteln. Dafür halte ich dieses Zitat von Rosenberg für sehr geeignet:

 

Tue nichts aus Angst, Schuld, Scham, Pflicht oder um mehr geliebt zu werden und erwarte auch nicht von anderen, dass sie etwas aus Angst, Schuld Scham oder Pflicht für dich tun. Unser Leben ist viel zu kurz und zu wertvoll, für den Preis, den ihr dafür bezahlen werdet. Tue alles nur mit der Freude eines kleinen Kindes, das eine hungrige Ente füttert.”

 

Gewaltfreie Kommunikation soll eben kein Sollen oder Müssen sein, sondern eine hilfreiche Strategie zur optimalen Erfüllung unserer Bedürfnisse. Deshalb gibt es für mich auch keine „richtige“ oder „falsche“ Art zu kommunizieren. Für viel wichtiger halte ich es, Neugier dafür zu entwickeln, was meine Worte beim Gegenüber bewirken.

Der Gedanke, dass man unter Androhung negativer Konsequenzen Menschen zu einem moralischeren Verhalten bringen kann, ist keineswegs neu und entfaltet noch heute auf dieser Welt eine ungeheuerlich destruktive Kraft. Es macht mir große Angst, wenn ich mir vergegenwärtige, wie viel ich in meinem Alltag und in den Medien auf einen Glauben stoße, dass Gewalt ein nützliches Mittel ist, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wie kann man den Menschen nur begreiflich machen, dass Gewalt fatale Nebenwirkungen mit sich bringt?

Marshall Rosenberg hat uns dazu zwei Fragen mitgegeben.

 

1. Wie willst Du, dass sich das Gegenüber verhält?

Wenn wir uns nur diese Frage stellen, dann könnten wir wohl zum Schluss kommen, dass Gewalt eine durchaus effektive, ja gar verlockende Methode ist, um Menschen dazu zu bringen, ein bestimmtes Verhalten anzunehmen.

 

2. Aus was für Gründen willst Du, dass sich das Gegenüber so verhält?

Nach der zweiten Frage, sollten wir nun aber unweigerlich zum Schluss kommen, dass Bestrafung kein Weg sein kann, um dieses Ziel zu erreichen. Gewalt kann das Verhalten von Menschen nur so lange ändern, wie man die Angst vor Bestrafung aufrechterhalten kann. Wenn wir Menschen dazu bringen, sich nur aus Angst vor negativen Konsequenzen nach unseren Wünschen zu verhalten, werden wir unweigerlich dafür bezahlen. Manchmal mit offener Rebellion, viel öfter wohl mit stillem Rückzug.

Am Beispiel von „Schwulenfeindlichkeit“ würde ich gerne einen anderen Ansatz vorstellen. Grundsätzlich halte ich den Begriff Homophobie als treffender, da er eine Phobie und nicht eine eigentliche Feindseeligkeit impliziert. Genauso wie ich den Begriff Xenophobie für treffender halte als „Fremdenhass“. Hilfreich halte ich dabei auch die Unterscheidung von Phobien und Ängsten: Hat man Angst in tiefes Wasser zu gehen, unterscheidet so die Fähigkeit zu Schwimmen darüber, ob es sich nun um eine Phobie, eine irreale Angst, oder um eine reale Bedrohung durch Ertrinken handelt.

Als praktizierender Psychotherapeut mit verhaltenstherapeutischem Hintergrund kann ich dabei auf viele Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit verschiedensten Phobien zurückgreifen und dazu einige Erkenntnisse weitergeben:

– Menschen mit Phobien schaffen es oftmals nicht alleine, ihre Phobien zu überwinden
– Oftmals stoßen Sie bei ihren Mitmenschen auf Unverständnis bezüglich ihrer Ängste, was diese nur schlimmer macht
– Es hilft schon wahnsinnig, wenn sie mit ihren Ängsten einfach mal ernstgenommen werden
– Manchmal entdeckt man auch gute Gründe für Ängste, wie z.B. ein gestörtes Gleichgewicht bei jemandem mit Höhenangst
– Um Phobien wirklich zu überwinden, muss man sich den Situationen stellen, die angstbesetzt sind und die Erfahrung machen, dass einem dabei nichts passiert
– Um sich Ängsten zu stellen, hilft es, wenn man auf der Beziehungsebene möglichst viel Schutz und Verständnis erfährt

Grundsätzlich sehe ich keinen großen Unterschied zwischen jemanden mit einer Homophobie und einer Spinnenphobie. Vor ein paar Jahren fragte ich einen Bekannten aus der Hip Hop Szene, wieso er sich in seinen Texten abschätzig gegen Schwule äußert. Dabei gab er mir zur Antwort, dass er schon oft von Schwulen sexuell belästigt wurde. Damals blieb ich im Gespräch bei meinem Unbehagen bezüglich seiner Äußerungen und versuchte ihn zu überzeugen, sich in Zukunft nicht mehr so zu äußern. Wohl mit dem Resultat, dass wir einfach aneinander vorbeisprachen.

Wäre mir schon zu diesem Zeitpunkt bewusst gewesen, dass es viel effektiver ist, sich zu fragen „Was braucht diese Person, damit Sie das mich störende Verhalten ablegen kann?“, wäre der Abend für uns beide viel angenehmer verlaufen. Was hat er konkret erlebt? Wie hat er sich dabei gefühlt? Wie schwer fällt es ihm darüber zu sprechen? Wie viel hat er schon über dieses Thema gesprochen? Was ist jetzt noch von diesen Erlebnissen in ihm lebendig? Hätte ich ihm so meine Anteilnahme schenken können, wäre vielleicht das unangenehme Gefühl dadurch schon verschwunden und damit auch sein Impuls, sich abschätzig über Schwule zu äußern.

Diesen Blog-Artikel hier zu schreiben, hat bei mir sehr viele schwere Gefühle hinaufgeholt und wurde von vielen Tränen meinerseits begleitet, erinnert es mich an so vieles, was momentan auf dieser Welt Schreckliches passiert. Wie kann man Menschen nur beibringen, wie kontraproduktiv es ist, andere Menschen für ihr Denken zu verurteilen oder ihnen gar physische Gewalt anzutun? Ehrlich gesagt denke ich, dass Marshall Rosenberg schon sehr hoch gepokert hat, mit der Behauptung, dass es reicht seine zwei Fragen zu stellen. Auch in mir selbst entdecke ich immer wieder den Drang, Menschen „klarzumachen“, dass es „dumm“ ist, auf verbale oder physische Gewalt zurückzugreifen. So bleibt mein größter Lehrmeister in gewaltfreier Kommunikation immer noch die Realität, die mir schmerzhaft beibringt, dass es mich nur in Isolation und Leid bringt, wenn ich solchen Impulsen nachgebe. Wirkliches Wohlbefinden und Glück finde ich jedoch nur in Verbindung mit meinem Gegenüber. Jenseits von politischer Korrektheit…

 

https://medium.com/@adrianoertli

 

Das vollständige Beitragsbild: http://anvc.svenhartenstein.de/de/3/