gew. missverständnisse

Gewaltfreie Missverständnisse

Ein Beitrag von Regine Landwehr

Für meine Bedürfnisse einstehen“ und echtes Mitgefühl widersprechen sich nicht. Es ist sogar der Königsweg, den Marshall Rosenberg mit der Gewaltfreien Kommunikation vorschlägt. Doch die Balance zwischen den beiden Strängen zu halten, will gelernt sein. Z.B. gibt es Menschen, die die GFK lernen und anwenden aus dem Wunsch heraus andere nicht zu verletzen. Nehmen wir an, Maria wäre so ein Mensch. Doch Maria zeigt ihre Wut selten und schreit andere Menschen so gut wie nie an. Es besteht also keine Gefahr, dass sie zu einer übermäßigen Anwendung von Wut tendiert. Im Gegenteil, sie braucht die Aggression, um für ihre Mitmenschen als Mensch mit eigenen Bedürfnissen wahrgenommen zu werden.

Da passiert Folgendes: Eines schönen Tages nimmt Marias Tochter Tina ungefragt die Seidenbluse ihrer Mutter, die diese am Tag darauf mit einem dicken Fettflecken in der Wäsche wiederfindet. Maria ist richtig wütend. Sie beruhigt sich etwas mit dem GFK-Selbstklärungsprozess und spricht dann mit ihrer Tochter.

Beachte! Viele Menschen glauben, Gewaltfreiheit würde bedeuten, nie Wut zeigen zu dürfen. Das stimmt nicht! Die GFK sagt, dass hinter der Wut auch noch andere Gefühle stehen und dass ungefilterte Wut das, was man sagen will, nur einseitig und ungenau rüber bringt (weswegen wir oft bereuen, was wir in unserer Wut sagen). Wut kann aber trotzdem sehr sinnvoll sein! Z.B. um wahrgenommen zu werden oder für Klarheit zu sorgen.

Für Maria besteht die Gefahr, dass ihr, wenn sie ihre Wut komplett auflöst, der Impuls fehlt, die Situation wirklich verändern zu wollen. So geht sie mitfühlend auf ihre Tochter ein und erfährt dabei auch Dinge, die sie vorher nicht wusste, wie z.B., dass Tina Angst hatte zu fragen und wie der Fleck auf die Bluse gekommen war. Doch während Maria sich in ihre Tochter einfühlt, vergisst sie ihre Sicht der Dinge. Die Tochter erfährt nie, dass Maria nicht nur wütend, sondern auch verletzt ist, weil sie sich Rücksicht wünscht und außerdem gerne das Vertrauen hätte, dass ihre Sachen sorgsam behandelt werden.

Wenn man regelmäßig Bedürfnisse übersieht und nicht beachtet, wirkt sich das negativ auf die Beziehung aus. Egal, ob es sich um die eigenen Bedürfnisse oder die Anderer handelt. Bewusst oder unbewusst lassen wir den Anderen dafür bezahlen. Die GFK erinnert uns daran die Bedürfnisse beider zu berücksichtigen. Die Beziehung zwischen Maria und ihrer Tochter wird das vollständige Fehlen von Marias Sicht und ihre unausgesprochenen Wünsche einmal verkraften. Passiert das regelmäßig, wird es zum Problem. Zudem ist die Einseitigkeit nicht der reine Vorteil für Marias Tochter. Diese spürt den unausgesprochenen Wunsch, nimmt ihn aber als Manipulationsversuch wahr: „Schau, so gehe ich auf dich ein und jetzt schau dir dein eigenes Verhalten an! Du fragst gar nicht, wie es mir geht!“ Das führt früher oder später zu GFK-Verdruss bei Kindern und Partnern. Auch Maria wird zusehends ungehalten Menschen gegenüber, die nicht von sich aus auf ihre Bedürfnisse eingehen. Doch was fehlt, ist, dass sie ehrlich sagt, worum es ihr geht. Das ist für alle wichtig und auch nicht verletzend, sondern sorgt für Klarheit in der Beziehung.

Wer sich mit GFK beschäftigt weiß, dass eine Lösung hat nur Bestand hat, wenn sie grundlegend die Bedürfnisse von beiden Parteien berücksichtigt. Doch viele Leute glauben einfach nicht, dass es Mitmenschen gibt, die wirklich an ihren Bedürfnissen interessiert sind. Sie tun stattdessen deren Interesse sarkastisch ab, ist doch das folgende Vorgehen für sie ungewohnt: „Ich sage dir, worum es mir geht (meine Bedürfnisse) und du sagst mir, worum es dir geht (deine Bedürfnisse), und dann suchen wir nach etwas, was für uns beide passt. Wenn ich deine Bedürfnisse nicht kenne, wie soll ich sie berücksichtigen?“ Wenn der GFKler fragt: „Was ist dir denn daran wichtig?“ hört der GFK-Fremde: „Rechtfertige dich!“ – Schade um den wirklich wohlgemeinten Versuch gemeinsam eine Lösung zu finden. Vielleicht hilft es, wenn du deinem Gesprächspartner erklärst, was du da machst und warum. Besonders dann, wenn er dich noch mit anderen Kommunikationsgewohnheiten kennt.

Auch das unerwartete Mitgefühl kann beängstigend wirken. Da steht jemand (GFKler) vor einem und benennt Bedürfnisse, die einen berühren, von denen man aber nicht wusste, dass man sie hat. Schutzlos und nackt streitet man alles ab, hat man doch oft Jahre damit verbracht, genau dieses Bedürfnis zu verstecken. Da nützt es gar nichts, wenn der GFKler erzählt, wie viel es ihm geholfen hat, als er empathisch gehört wurde.

Hat jemand plötzlich Tränen in den Augen, dann kannst Du davon ausgehen, dass Du die richtigen Gefühle und Bedürfnisse erraten hast. Schlägt er dann aber unerwartet verbal zurück, waren es die, die er nicht zeigen wollte. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Gewaltfreie Kommunikation Nähe schafft und nicht jeder damit umgehen kann oder will. Missverständnisse sind menschlich und lassen sich nicht immer vermeiden. Soll heißen, sei nicht so streng mit dir, wenn es mal nicht nach Lehrbuch läuft.

Kennst du noch mehr solcher Schwierigkeiten im Einsatz der GFK, dann schreib mir doch. Ich bin an Erfahrungen zu diesem Thema interessiert.

info@tiefenkontakt.de

Bildquelle: pixabay.com