river-1031587_1920-kleiner

Gewaltfreie Kommunikation als prozessorientierte Sprache

Ein Beitrag von Karen Nimrich:

Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort: Dort treffen wir uns.

Rumi

Ein wichtiger Aspekt der Gewaltfreien Kommunikation ist für mich die Idee der Prozessorientierung. Es gibt, laut Rosenberg, statische und prozessorientierte Sprache. Unter statischer Sprache versteht man in der Regel Wörter wie: richtig/falsch, kompetent/inkompetent, korrekt/unkorrekt, gut/schlecht, normal/unnormal, faul/fleißig. Wer kennt diese Wörter nicht? Wie oft höre ich diese Wörter im Studium oder verwende sie selbst in Diskussionen? Gerade in der Schule spielen diese Wörter eine wesentliche Rolle.

Was ist nun an diesen Wörtern statisch? Wenn ich sage, jemand hat etwas falsch gemacht, erhebe ich eine Art „Allgemeingültigkeit“: Ich weiß und lege also fest, was richtig und was falsch ist. Rosenberg beschrieb hier gerne eine Situation, die sich in einem Mathematikunterricht von ihm vollzogen hat. Als ein Schüler bei der Addition 9+6 auf 14 gekommen war, verwendete Rosenberg nicht den Begriff „falsch“ oder „das ist nicht richtig“. Sondern er sagte dem Schüler, er verstehe nicht, wie er auf dieses Ergebnis komme, er hätte eine andere Lösung. Er bat den Schüler, zu erklären, wie dieser auf sein Ergebnis gekommen sei. Rosenberg dazu: „Ich verstand wirklich nicht, wie er auf die Antwort gekommen war. Vielleicht hatte er ja ein neues mathematisches System entdeckt, dass auch mir besser gefallen würde als dasjenige, das man mir beigebracht hatte“ 1

Noch aus meiner eigenen Schulzeit weiß ich, aber auch sonst in Gesprächen merke ich, wie oft diese Wörter fallen. Wer hört gerne, dass er etwas falsch gemacht hat? Was macht das mit uns, wenn wir diese statische Sprache hören? Haben wir Lust, weiter zu reden oder verschließen wir uns? Ich werde wütend, wenn jemand zu mir sagt, so wie ich denke ist es falsch. Ich wünsche mir in so Momenten Verständnis und Wertschätzung. Rosenbergs Reaktion enthielt eine spürbare Wertschätzung für den Schüler und für dessen individuellen Gedankengang.

Wen wir nun die statische Sprache kennen, was ist dann die prozessorientierte Sprache und wodurch unterscheiden sie sich diese beiden? Rosenberg bezeichnet die Gewaltfreie Kommunikation als „Prozesssprache“ (er sprach wohl immer wieder vom „process of life“). Wenn ich gewaltfrei kommuniziere, bin ich mir meiner Gefühle und Bedürfnisse bewusst, ich bin mit diesen in Kontakt und spüre meine Lebendigkeit im Angesicht der Vielfalt meiner Gefühle. Wichtig ist hierbei: Diese Gefühle und Bedürfnisse sind wandelbar. In einem Moment bin ich vielleicht fröhlich, im nächsten Moment ärgere ich mich. Ich bin also nicht ein fröhlicher oder verärgerter Mensch, sondern ich bin oder war genau in diesem Moment fröhlich und verärgert. Das bedeutet, in der Gewaltfreien Kommunikation geht man davon aus, dass es viel mehr Sinn macht, von dem zu sprechen, was im Moment lebendig ist, da wir uns durchgehend in einem Veränderungsprozess befinden. Bewertungen, von uns selbst oder von anderen, sind dann nur Festschreibungen innerhalb eines Prozesses. Das heißt, meine Bewertung ist für diesen einen Moment gültig.

Nochmal zur Mathematik: Gerade hier denken viele: Mathematik, das ist einfach. Das ist ganz objektiv. Da gibt es richtig und falsch. 1 + 1 ist nun mal 2 und nicht 3. 3 ist da einfach falsch. Ich kann Mathematik mittlerweile als eine Art Standard sehen, auf den sich die Menschen geeinigt haben, aber vielleicht wird man sich irgendwann auf einen anderen Standard festlegen. Rechtschreibung sehe ich da als passendes Beispiel. Lange schrieb man „Fluß“ – ich schätze, alle Schulkinder wurden verbessert, wenn sie es anders schrieben. Heute lernen die Kinder Fluss mit zwei „s“ anstatt mit „ß“. Eine Zeitlang war das eine der Standard, auf den man sich festgelegt hatte, mittlerweile haben wir einen anderen. Wer weiß, wie wir „Fluss“ in 100 Jahren schreiben.

Ich feiere, wie lebendig alles auf einmal für mich ist, dadurch, dass ich diesen Prozess wahrnehme und mitgehe und ich nicht festhänge in einem einzigen Bild, was ich von mir, von anderen Menschen oder Dingen habe. Es schafft für mich eine große Offenheit für vielleicht erstmal „Unlogisches“, für Neues, für Unbekanntes.

 

_________________________________________________

1Rosenberg, M., Erziehung, die das Leben bereichert. Gewaltfreie Kommunikation im Schulalltag, 5. Auflage 2013, Paderborn: Junfermann-Verlag