Kerzen_passend

Einfühlung statt Enemyismus

Belgien. Elfenbeinküste. Türkei. Somalia. Pakistan. Frankreich. Irak. Libanon. Syrien. Ägypten. Und viele Orte mehr.

Immer wieder und wieder erschüttern Anschläge die Welt. Und immer wieder diese Frage: Wie reagieren wir? Manche sagen: Weitermachen. Andere sagen: Bekämpft den Islam. Viele sagen: Wir können den IS nur mit Gewalt bekämpfen.

Ich frage mich da oft: Erreichen wir mit Gewalt das, was wir uns wünschen? Und was wünschen wir uns eigentlich? Bei mir wird da dieser unendlich große Wunsch nach Friede laut. Dieser Wunsch, einfach in Frieden sicher leben zu können. Und der Wunsch, dass das alle Menschen auf der Welt können. Und da kommen die nächsten Fragen auf: Was bewegt Menschen zu töten? Was bewegt Menschen Anschläge zu verüben? Was können wir machen? Militärisch eingreifen? Kann man Gewalt mit Gewalt bekämpfen? Woher kommt die Idee, dass eine militärische Bekämpfung notwendig sei? Und wird diese zielführend sein?

Ein Begriff, der mich in letzter Zeit öfter begleitet, ist “Enemyismus”. Dieser Begriff ist mir in einem Buch von Kelly Bryson begegnet. Für ihn ist Enemyismus etwas, “das ebenso wie sein Vetter Rassismus eine bestimme Sichtweise erzeugt, eine Brille, durch die man die Dinge betrachten kann und die einen Menschen in ein Objekt verwandelt, in einen Feind, der gehaßt, gefürchtet und bestraft werden sollte.” ¹ Laut Bryson erzeugt dies ein Gefühl von Überlegenheit, welches das Gegenüber abwertet und damit “folglich entbehrlicher” ² macht.

Und genau da sehe ich ein großes Problem. Vielleicht täusche ich mich auch, aber ich habe den Eindruck, dass viele denken: Wir, die westlichen christlichen Länder, sind die “Guten”. Unsere Aufgabe ist es, das “Böse” zu bestrafen, wenn nicht sogar zu vernichten. Und in dem Fall sind die Bösen der IS. Wenn ein IS-Kämpfer getötet wird, ist das für viele „ein Sieg über das Böse“. Ich denke, dass oft vergessen wird, dass dieser getötete IS-Kämpfer auch ein Mensch ist. Ein Mensch, um den auch jemand trauert. Ein Mensch, den irgendwas dazu gebracht hat, so eine für uns schmerzhafte Tat zu vollbringen. Ein Mensch.

Marshall B. Rosenberg beschreibt das Problem so:

Viele Menschen haben mich gefragt, wie man die Gewaltfreie Kommunikation im Zusammenhang mit Terrorismus anwenden könne. Zunächst einmal müssen wir Bilder wie „Terrorist“ und  „Freiheitskämpfer“ loswerden. Solange wir uns die andere Seite als Terroristen vorstellen und uns selbst als Freiheitskämpfer, sind wir Teil des Problems. Dann müssen wir uns einfühlen in das, was in diesen Menschen lebendig war, als sie taten, was für uns so beängstigend und schmerzhaft war – um zu sehen, welche menschlichen Bedürfnisse sie damit zu erfüllen versuchten.
Solange wir keine einfühlsame Verbindung damit aufnehmen können, werden wahrscheinlich all unsere Handlungen aus einer Energie kommen, die noch mehr Gewalt entstehen lässt.

Was die Menschen betrifft, die Dinge taten, die wir als Terrorismus bezeichnen, bin ich mir sicher, dass sie ihren Schmerz seit mehr als 30 Jahren in vielen unterschiedlichen Formen ausgedrückt haben. Da wir ihn nicht emphatisch aufnahmen, als sie ihn noch auf sanftere Weise zeigten – sie versuchten uns ihre Verletztheit mitzuteilen, dass einige ihrer heiligsten Bedürfnisse durch die Art, wie wir unsere ökonomischen und militärischen Interessen erfüllten, nicht respektiert wurden –, ereiferten sie sich zunehmend. Schließlich nahm ihre Erregung eine schreckliche Form an.

Das wäre also das Erste: Statt sie als Terroristen zu sehen, müssen wir uns in sie einfühlen. Für viele Menschen klingt das, als wäre Terrorismus in Ordnung – wir sollten bloß lächeln und uns so verhalten, als wäre es okay, Tausende von Menschen zu töten.
Ganz und gar nicht! Nachdem wir uns eingefühlt haben, müssen wir unseren eigenen Schmerz klar darstellen; welche unserer Bedürfnisse durch ihr Handeln nicht erfüllt wurden. Und wenn wir diese Verbundenheit mit diesen Menschen hergestellt haben, können wir einen Weg finden, um alle Bedürfnisse auf friedliche Weise zu erfüllen. Wenn wir sie jedoch als Terroristen bezeichnen und sie dann dafür bestrafen, können wir jetzt schon sehen, was wir davon haben: Gewalt schafft noch mehr Gewalt.

Darum ist das Erste, was wir bei der Ausbildung von Menschen im Umgang mit „Terrorbanden“ tun, die notwendige „Verzweiflungsarbeit“: nach innen schauen und mit dem eigenen Schmerz bezüglich der Cliquen umgehen. Man kann sämtliche Feindbilder, die man von anderen Menschen hat, in Klarheit über die eigenen unerfüllten Bedürfnisse verwandeln. (…)

Frieden erfordert etwas weitaus Schwierigeres als Rache oder das bloße Hinhalten der anderen Wange; er erfordert die Einfühlung mit den Ängsten und unerfüllten Bedürfnissen, die bei den Menschen für den Impuls sorgen, einander anzugreifen. Wenn sie sich dieser Gefühle und Bedürfnisse bewusst sind, verlieren die Menschen ihren Wunsch, zurückzuschlagen, weil sie die menschliche Unwissenheit erkennen können, die zu diesen Angriffen führt. (…)

Wir müssen unsere Bedürfnisse einschätzen können: Sind sie erfüllt oder nicht? Aber das tun wir, ohne dass wir in unserem Kopf Feinde und Schurken aus diesen Menschen machen, die auf die eine oder andere Weise nicht unsere Bedürfnisse erfüllen. ³

Und das Ganze ist so unglaublich schwierig. Erstens dieser unglaubliche Schmerz nach so einer Tat. Und zweitens: Wie oft merke ich in Diskussionen, dass ich genau auf der gleichen Schiene bin. Wie ich Menschen dafür verurteile, dass sie andere verurteilen oder dass sie sich als die “Guten” sehen. Und dann finde ich es so bereichernd, in so einem Moment inne zuhalten und mir zu sagen: “Hee Du! Was hast Du da vorhin gelesen? Wo ist Dein Wille, die Menschen in ihrem Gefühl und ihren Bedürfnissen zu sehen?” Und dann entsteht für mich die Chance nach Verbindung. Vor kurzem war ich in folgender Situation: Ich las wie jemand alle Muslime und Geflüchtete als Terroristen bezeichnete und ich hab mich geärgert, weil für mich wertschätzender und respektvoller Umgang unglaublich wichtig ist. Und gleichzeitig konnte ich eine Angst und eine Unsicherheit raushören, konnte diese wahrnehmen und begab mich mit dem Schreiber auf die Suche nach dem Bedürfnis: Er wünschte sich einfach, friedlich und sicher mit seiner Familie leben zu können. Auch wenn darüber mein Ärger und mein Unverständnis über diese Aussage nicht gänzlich verschwunden waren, fühlte ich mich ihm auf einmal ganz nah und verbunden.

Die Schönheit in einem Menschen zu sehen ist dann am nötigsten, wenn er auf eine Weise
kommuniziert, die es am schwierigsten macht, sie zu sehen. 

(Marshall B. Rosenberg)

Zum Abschluss noch ein passendes und wunderschönes Lied von Sabine Mariß: Beyond right and wrong


¹ und ² Kelly Bryson: “Sei nicht nett, sei Echt!”, 3. Auflage 2012 Junfermann Verlag Paderborn, S. 196
³ Marshall B. Rosenberg, Die Sprache des Friedens sprechen, 2006, Junfermann Verlag Paderborn, S. 82-84