Scham

Die Schuldkiste verlassen

Ein Beitrag von Stefan Häfner (art-of-connection.com)

Politisch inkorrekte Witze: Wie man die Schuld- & Schamkiste verlässt

Ich saß letztens in einer Runde Jugendlicher und reihum wurden Witze erzählt, die jenseits jeglicher politischen Correctness waren:

Über Frauen, Jüdinnen und Juden sowie Homosexuelle. Ich war an der Reihe, sagte knapp, dass das nicht meinen persönlichen Werten entspreche und erzählte ebenfalls einen solchen Witz. Während ich das aufschreibe bin ich etwas ängstlich, weil mir wichtig ist, dass ich weiterhin als Mensch akzeptiert werde und dass meine Botschaft ankommt. Deshalb möchte ich Dich bitten, diesen Text bis zum Ende zu lesen, bevor Du Dir eine Meinung bildest:

Die Witzerunde war am späten Abend und nachdem sie aufgelöst wurde, ging ich ins Bett. Ich lag noch eine Weile wach und grübelte über die Situation. Zuerst schossen Urteile durch meinen Kopf:

• ‘Das hättest Du nicht sagen dürfen.’

• ‘Du hättest ein Machtwort sprechen sollen.

• ‘Du arbeitest zwar für Gleichberechtigung, aber in der Situation hast Du echt versagt.

Ich fühlte mich schuldig und schämte mich. Doch dann setzte ich dem Gedankenkarussell einen Stopp und erinnerte mich an den Prozess, den ich in meiner Ausbildung gelernt hatte:

Einerseits wünschte ich mir, ich wäre dafür eingestanden, dass mir Gleichberechtigung wichtig ist (unerfülltes Anliegen). Ich hätte zum Beispiel direkt ansprechen können, dass mir dieser Wert am Herzen liegt und gerade zu kurz kommt. Oder ich hätte die Witzerunde verlassen können. Gleichzeitig habe ich begriffen, warum ich mitmachte: Es war der erste Abend eines mehrtägigen Seminars. Ich leitete dieses Seminar mit zwei weiteren Trainer*innen. Ich wollte in der Gruppe ein vertrauenswürdiger Ansprechpartner auf Augenhöhe sein (erfülltes Anliegen). Ich wollte, dass die jungen Erwachsenen merken, dass ich sie nicht von oben herab korrigiere sondern Teil ihrer Gemeinschaft bin. Ich hoffte, dass sie mir dadurch in Zukunft auch dann zuhören würden, wenn ich Dinge anspreche, die ihnen nicht gefallen. Ich wollte Verbundenheit herstellen, bevor ich mit ihnen an Themen arbeite, von denen ich denke, dass sie wichtig für unser Zusammenleben sind.

Mit dieser Einsicht war ich erleichtert und gleichzeitig merkte ich, dass ich die Situation nicht stehen lassen konnte. Deshalb sprach ich sie am nächsten Tag in der Gesamtgruppe an: Ich erklärte mein hin- und hergerissen sein und legte offen, welche Wünsche dahinter steckten im Einklang mit meinen Werten sein versus Zugehörigkeit zur Gruppe und Augenhöhe. Es entfaltete sich ein kurzes Gruppengespräch infolgedessen ich erleichtert war: Ich hatte den Eindruck, gesehen zu werden und konnte gleichzeitig die Anwesenden fragen, wie es ihnen mit der Situation ging. Gemeinsam betonten wir, dass die Witze keine persönlichen Einstellungen widerspiegelten und arbeiteten heraus, dass es wichtig ist aufmerksam dafür zu sein, dass die meisten Witze über alle möglichen Gruppen herziehen, ausgenommen: Weiße, heterosexuelle Männer. Ich bin zuversichtlich, dass wir dadurch das Bewusstsein der Teilnehmenden schärfen konnten.

Mir ist klar, dass ich dieser ‘MännerGruppeangehöre und dadurch viele Privilegien genieße. Eines davon könnte sich darin äußern, dass ich in einer solchen Witze-Runde ruhig bleiben kann, weil ich nicht direkt betroffen bin. Ich vermute, dass viel mehr Ärger und Frust oder Hilflosigkeit in mir hochgestiegen wären, wenn ich einer Minderheit angehörte, über die gewitzelt wurde.

Was bedeutet mein Erlebnis für den Umgang mit Situationen, in denen Du unzufrieden mit dem bist, was Du gesagt oder getan hast?

Folgender 3-schrittiger Prozess hilft mir in Situationen, in denen ich mich schäme oder schuldig fühle. Ich möchte ihn mit Dir teilen, weil ich denke, dass er auch für andere Menschen Sinn ergeben kann. Die Prinzipien stammen aus der Gewaltfreien Kommunikation nach Dr. Rosenberg:

1. Hinter allem, was Du sagst oder tust stecken bestimmte Anliegen. Eine Liste mit möglichen Anliegen findest Du am Ende des Artikels

Bei mir waren das einerseits das Anliegen, auf Augenhöhe dazu zu gehören und andererseits der Wunsch, meinen Werten treu zu sein.

2. In einer Unwohl/Schamsituation hast Du etwas getan oder gesagt, was einem bestimmten Anliegen dient. Das Unwohlsein kommt daher, dass gleichzeitig ein anderes Anliegen zu kurz gekommen ist.

In der Witze-Runde habe ich Wert darauf gelegt, zur Gruppe dazuzugehören. Leider bin ich währenddessen nicht komplett im Einklang mit meinen Werten geblieben: Mein Wunsch, für Gleichberechtigung einzustehen, ist zu kurz gekommen.

3. Du kannst mit solchen Situationen umgehen, indem Du Dir zunächst bewusst machst, welches Anliegen erfüllt wurde. Daraufhin erforschst Du, welches Anliegen zu kurz kam. Wenn beide Anliegen auf dem Tisch liegen, kannst Du Dir überlegen, wie Du (in Zukunft) handeln oder sprechen möchtest, sodass beide erfüllt sind.

Ich habe mich dafür entschieden, das Thema in der Großgruppe erneut anzusprechen und offen zu legen, dass ich hinund hergerissen war. Außerdem bin ich mit der Gruppe in ein Gespräch darüber gegangen. Für zukünftige Situationen habe ich mir folgende Strategie zurecht gelegt:

Wenn es wieder in Situationen passiert, in denen ich denke, dass ich noch nicht als Teil der Gruppe akzeptiert wurde, dann möchte ich an solchen Witzerunden teilhaben und bevor ich meinen Witz erzähle kurz darlegen, dass er nicht meiner persönlichen Einstellung entspricht. Am Folgetag möchte ich das Thema dann in der Gesamtgruppe ansprechen, sodass Dialog und Nachdenken entsteht. Falls eine solche Witzerunde zu einem Zeitpunkt entsteht, wo ich bereits ein höheres Level an Zugehörigkeit und Augenhöhe in der Gruppe habe, eröffne ich sofort, dass ich hinund hergerissen bin und stoße einen Dialog darüber an, wie es den anderen Gruppenmitgliedern geht.

r mich bleibe ich damit bei einem Grundgedanken von Marshall Rosenberg:

Connection before correction.

http://art-of-connection.com/urteile/

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