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GFK und Spiritualität 

Ein Beitrag von Thorsten Laakmann

„Überall auf der Welt erzählen mir immer wieder viele Menschen nach Seminaren,
dass GFK dasselbe aussagt wie die Essenz ihrer Religion.“
(Marshall B. Rosenberg)

Zunächst: Es wundert mich, dass Spiritualität in der GFK so selten thematisiert wird. Marshall Rosenberg hat dazu lediglich ein kleines Büchlein hinterlassen „Die spirituellen Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation“… immerhin. Es wundert mich deswegen, weil die GFK mir geradezu geniale Möglichkeiten gegeben hat Spiritualität und gleichzeitig Leichtigkeit zu erleben – innerhalb meiner Religionszugehörigkeit und außerhalb bzw. darüber hinaus. Danke, Marshall Rosenberg, für diese wunderbare Erweiterung meines Horizontes.

Stehen Haltung und Methode der GFK im Einklang und bewirken so kleine und große Wunder, möchte ich diese Wunder etwas Höherem zuschreiben, weil es meinem Erleben und meinem Bedürfnis dieses Erleben zu feiern entspricht. Ich verwende derzeit die Worte geliebte Urliebe für dieses Höhere.

Die geliebte Urliebe spendet – so glaube ich – fortwährend Leben und erinnert gerne daran, dass wir alle aus, von und in der Urliebe leben, mit dieser seit jeher in Verbundenheit geblieben sind. GFK ist für mich, wenn ich diese Verbundenheit (wieder) spüre. Wenn ich sie im Herzen spüre, kann ich sogar die Bedeutung von Haltung und Methode der GFK vergessen. Ich brauche sie dann schlicht nicht mehr präsent zu haben, weil ich auf spiritueller Ebene eine Verbundenheit erfahre, die mich GFK wie von selbst erleben lässt. Zugegebener Maßen ein nicht unbedingt alltäglich erfahrbarer Genuss. Obwohl schön wär´s schon…

Meine christliche Prägung hat diese Verbundenheit immer wieder in Frage gestellt, den Zugang zur Urliebe erschwert oder gar das Getrenntsein betont. Es kostete mich viel Mühe diese Prägung zu überwinden um die Schönheit und Liebe im christlichen Glauben und anderswo zu entdecken. Dabei spricht z.B. Jesus doch im Grunde ganz einfach, wie ich finde: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst“. Im Sinne der GFK heißt das für mich: Die freiwillige Verschönerung des Lebens ist der Sinn meines Lebens. Echt jetzt? Jupp!

Nach meinem Verständnis basiert die GFK auf einem Menschenbild, was die Verschönerung des eigenen Lebens und des Lebens anderer Lebewesen sogar als gemeinsames Urbedürfnis aller Menschen betrachtet.

So, wie ich Jesus verstehe, will er mit seiner Empfehlung zur (Nächsten-)liebe deswegen ebenso auffordern wie schützen. Liebe Deinen Nächsten, ja, und sorge gut für Deine eigenen Bedürfnisse, nochmal ja.

Danke, Jesus für Deine Weisheit und Dein Vertrauen in mich als Mensch, der ganz freiwillig das Leben verschönern möchte.

Und danke an die geliebte Urliebe für einen kurzen Moment der Gewissheit, dass es ein Getrenntsein von der Urliebe für mich und andere nie gegeben hat.

Heute ist in den USA ein neuer Präsident gewählt worden. Was ich bisher von diesem Präsidenten gehört und gesehen habe stimmt mich traurig und besorgt. Gleichzeitig hat mir dieses Ereignis den Anstoß und Mut gegeben diese Zeilen für den GFK-Blog zu schreiben. Danke auch dafür.

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Brücken bauen für Vertrauen in Vielfalt

Ein Beitrag von Achim Rackel

Wann hast du dich das letzte Mal als Geschenk gefühlt?

Aus einem Seminar-Wochenende zurückkehrend, was vor ein paar Tagen stattfand, fühlte ich mich im Fluss von großer Freude. Obwohl es außergewöhnlich sommerlich heiß war und die Hitze allen, Teilnehmer*innen wie mir als Trainer, sichtlich zusätzliche physische und mentale Anstrengung abverlangte, fanden wir uns zum Abschluss des Wochenendes in einem gemeinsamen Taumel von Gefühlen beschenkt wieder. Einklang, Gelassenheit, Leichtigkeit füllten den Raum. Aber was war es nun genau, was uns nach freudiger Anstrengung derartig beschenkte? Ich fragte mich: „Wer oder was war denn hier das Geschenk? Waren es die Teilnehmer*innen, war ich es, war es das Thema?“

Dass liebende Paare das Gefühl teilen, dass jeder begehrt und jeder gewährt, ist nichts Neues und im Idealfall ist es ein Verhältnis aus Geben und Nehmen von Herzen. Aber lässt ein Verhältnis von Teilnehmer*innen zum Trainer das zu? Nach Seminarende erinnerte ich mich an ein Zitat von Marshall Rosenberg: „ … das Geben und Nehmen ein Fluss zwischen mir und anderen ist und auf Einfühlsamkeit beruht“ und „ … dass die Freude am einfühlsamen Geben und Nehmen unserem natürlichen Wesen entspricht“.

Wir hatten u.a. an diesem Wochenende in Rollenspiel-Settings hochgradig eskalierte Gewaltsituationen bei Gefahr von Krisen deeskaliert und „labortechnisch“ gelöst und damit gewissermaßen die unmissverständliche „Flughöhe“ in der Jahres-Ausbildung zum Antigewalttrainer erreicht.

Diese Settings erfordern den Umgang mit entsprechendem Empathievermögen, welches sich alle Teilnehmenden über den Zeitraum von 8 Wochenenden in dem Kurs angeeignet und trainiert hatten. Diese Empathie überträgt sich auf alle Beteiligten, denn in den Rollenspielen geht es um das Erleben von Selbstvertrauen und das Schaffen von Lebensenergien, um Begeisterung den eigenen Entdeckergeist aufzuspüren, Gestaltungslust, um Brückenbauerkunst für Vertrauen in Vielfalt und um eigene und gemeinsame kreative, innovative Lösungen zu finden. Kreativität entdecken vermeint hier, die individuell erworbenen praktischen Fähigkeiten, Kenntnisse, Begabungen und Vorstellungen mit denen der anderen verschmelzen zu lassen. Eine entscheidende Voraussetzung zur Entwicklung dieser Kreativität ist das Transformieren der persönlichen Angst in Lebensenergie, welches wiederum der Belebung von wechselseitigem Vertrauen dient.

Das war es, was wir feierten! Wir feierten uns alle, mit den erzielten Ergebnissen unsere Bedürfnisse erfüllt zu haben, als Geschenk!

Vielleicht regt dich das an, dich zu fragen, wann DU dich das letzte Mal als Geschenk gefühlt hast?

Die oben beschriebenen, angehenden Antigewalt-, Deeskalations- und Konflikttrainer*innen sind in der Endphase der Ausbildung, die im Oktober 2016 zum Abschluss kommt. Danach werden sie  tatkräftig mit ihren Qualitäten, ob privat oder beruflich, zur Gewaltfreiheit in der Gesellschaft beitragen. Ich danke euch jetzt schon für Eure engagierte Teilhabe und wünsche nachhaltige Erfolge bei eurer alltäglichen Gewaltfrei-Arbeit. Ein Herzliches Willkommen im Club!

Achim Rackel

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…was bringt dein Herz zum Lächeln?

Ein Beitrag von Pia Gerlach

“Das hast du ja toll gemacht, das kannst du wirklich gut!”
…hat vor kurzem meine Arbeitskollegin mit leuchtenden Augen zu mir gesagt, als sie eine meiner Fotografien gesehen hat. Vielleicht kennst du solche Situationen auch? Wie geht es dir damit?

In mir ist in dem Moment ganz viel vorgegangen…

Ich habe ihre Begeisterung gespürt, ihre Freude und Dankbarkeit beim Betrachten des Bildes. Ich hab mich ein bisschen geschmeichelt gefühlt, und mich gefreut, dass sie mein Foto mag.

Gleichzeitig habe ich in mir einen Widerstand gespürt. Es war so ein Gefühl, als wäre sie meine Lehrerin, die mir sagt, dass ich alles richtig gemacht habe. Ein Gefühl, als gäbe es eine offizielle Messlatte, die festlegt was gut ist, und was nicht – und diesen Maßstab legt sie an mein Bild an. Wenn ich daran denke, sagt in mir eine kleine Stimme “puh, Glück gehabt, dass die Bewertung positiv ausgefallen ist”.
Und ich bin ein bisschen unruhig, denn, wenn mich jemand auf einer Messlatte misst, dann vermisse ich eine Begegnung von Herz zu Herz und auf Augenhöhe. “Mir geht es so und so damit, wie ist es für dich?” anstatt “Du bist toll”.

Es gibt keine allgemeingültige Messlatte. Jede Bewertung, die ich vornehme, um herauszufinden, ob etwas das erfüllt, was mir wichtig ist, ist ja davon abhängig, was mir wichtig ist.
Ich bewerte, was
für mich lebensdienlich ist. Das zu tun ist ganz wertvoll, weil es mir hilft, mein Leben so zu strukturieren, dass ich möglichst viel positive Energie habe.

Wenn ich persönlich z.B. Fotos von Personen betrachte, freue ich mich besonders über Menschen, die natürlich und authentisch wirken, weil ich es so genieße, wenn ich emotional ergriffen bin von dem was ich sehe. Meine Bedürfnisse nach Echtheit und emotionaler Verbindung sind da ausschlaggebend.
Ich habe eine Freundin, deren Wunsch nach Ästhetik und Phantasie entscheidet, was sie als “schön” empfindet – sie zieht eher Fotografien von aufwändig und märchenhaft gestylten Menschen vor – und so manches Bild, das mich tief berührt, findet sie gar nicht ansprechend.

Wenn ich mir dessen bewusst bin, dass das, was mir wichtig ist und was ich brauche, darüber entscheidet, was ich als gut oder nicht gut empfinde, dann wird klar, dass das für jeden Menschen anders ist – weil jedem von uns andere Aspekte und Bedürfnisse besonders präsent sind.
Und genau das finde ich so spannend 🙂

Ich liebe es, zu erfahren, was anderen Menschen wichtig ist, was sie bewegt und berührt, was sie sich wünschen, was sie brauchen um sich wohl zu fühlen. Ich bin so neugierig darauf, weil ich dadurch Anteil nehmen kann an ihrer Welt.

Weil ich so gern wissen wollte, was genau meiner Arbeitskollegin beim Betrachten meines Fotos das Leuchten in die Augen gezaubert hat, hab ich sie noch mal danach gefragt.

Sie sagte mir: “Ich bin fasziniert davon, die Tautropfen auf den Blütenblättern einmal aus einer Perspektive zu sehen, aus der ich sie sonst nie sehe. So ganz nah hin zu schauen, macht mir die Schönheit des Alltäglichen bewusst. Mir öffnet sich dadurch ein neuer, inspirierender Blick auf die Welt, den ich mir oft wünsche, für den ich aber immer wieder mal eine Erinnerung und Ermutigung brauche. Durch dein Bild hab ich wieder mehr von der Kraft in mir gefunden, die es mir ganz leicht macht, den Zauber im Alltäglichen zu finden. Danke dir dafür.”

Wow. Ich bin mega berührt und fühle mich ganz dankbar. Daraus höre ich so viel Wertschätzung und Freude. Ich genieße den Einblick in das, was sie bewegt. Ich genieße es, zu ihrer Freude beizutragen. Und ich bewundere, wie klar sie damit verbunden ist, welche ihrer Bedürfnisse sie sich durch das Betrachten dieses Bildes erfüllt.
Ganz genau zu erfahren, was einen Menschen berührt, was ihn ermutigt, traurig macht, was er sich wünscht, was etwas in ihm oder ihr auslöst… dadurch entsteht für mich so viel Verbindung. Dadurch wird es für mich ganz leicht, mich mit ihm oder ihr auszutauschen, aufeinander zuzugehen, sich immer besser kennen zu lernen, gemeinsam zu träumen.

Ganz unabhängig davon, ob ich nun begeistert oder enttäuscht von etwas bin- wenn es mir gelingt, mir darüber klar zu sein, und mitzuteilen, was mir wichtig ist – welche meiner Bedürfnisse sich erfüllen, oder welche ich gerne erfüllen würde – und wie es mir dabei geht; dann habe ich die Chance, mich mit meinem Gegenüber zu verbinden, uns auszutauschen, zu inspirieren und miteinander zu wachsen.

Vielleicht hast du Lust, in den kommenden Tagen einmal ganz genau in dich hinein zu horchen, wenn dich etwas freut. Was genau ist es, das in dem Moment dein Herz zum Lächeln bringt? Welche Bedürfnisse erfüllen sich dadurch für dich, wie genau macht es dein Leben schöner? Magst du diese Gedanken mit Menschen teilen, die du gern hast, so dass sie ganz genau erfahren, was dich bewegt?
Ich empfinde “Dankbarkeit auszudrücken” als einen ganz wunderbaren Weg, um zu “üben”, mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt zu kommen, und diese auch zu kommunizieren 😉
Wenn du magst, freue ich mich, darüber zu hören, wie es dir in ähnlichen Situationen geht, einerseits als Empfänger, andererseits als Geber von Dankbarkeit oder Wertschätzung.
Fällt es dir leicht, Dankbarkeit anzunehmen oder zu verschenken?
Magst du mir sagen, ob du mit dem was ich geschrieben habe, etwas anfangen kannst? Welche deiner Bedürfnisse erfüllen sich dadurch? Kann ich noch etwas beitragen, wenn es bei dir unerfüllte Bedürfnisse gibt?
Namasté  <3

Pia

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Umbauarbeiten

Ein Beitrag von Nora Hirshfeld

Die letzte Prüfung meines Studiums der Erziehungswissenschaften war der Anfang eines intensiven Lernprozesses, der seitdem anhält.
Meine letzte Prüfung beinhaltete den Umgang mit Konflikten als Thema. Ich beschäftigte mich dafür u.a. mit der Gewaltfreien Kommunikation im Vergleich zu anderen Herangehensweisen in der Konfliktvermittlung.
Was mir als ein großer Vorteil erschien, und sich seitdem auch absolut bewährt hat, ist, dass es bei der GFK ausreicht, dass eine von mehreren Konfliktparteien diese als Herangehensweise nutzt.
Der große Nachteil schien mir, dass ein aufwändiger Lernprozess davor steht. Und leider hat sich dieser Lernprozess als noch viel aufwändiger erwiesen als gedacht, denn mit dem Abschluss des Studiums fing für mich das Lernen erst
richtig an. Ich war noch so im Lernfieber und konnte das Marathonlernen für die Prüfungen nicht gleich hinter mir lassen. Ich hatte ein paar Tage frei und eine Freundin hatte mir ein Video mit einem Einführungsworkshop von Marshall Rosenberg geliehen. Beste Voraussetzungen.
Ich sah das Video exzessiv, spulte vor und zurück, schrieb einen Collegeblock fast voll, lernte Sätze und Dialoge auswendig. Für einige Tage war ich von der Umwelt abgeschnitten und mit dem Video allein. Ich dachte, ich hätte nun alles verstanden und sei auf alles gefasst. Dann telefonierte ich ahnungslos mit einigen Menschen aus meiner Familie und meinem Freundeskreis und dachte mir gar nichts dabei.

Aber was war das? Lauter Wölfe am Apparat! Das war mir so noch nie klar gewesen. Ich habe das zuvor niemals so gesehen!
Und, war ich darauf gefasst? War ich fit mit den Wölfen umzugehen?

Sagen wir, die GFK ist ein langer Weg und er geht nicht immer geradeaus.
Mühsam? Schon. Andererseits ist das alles wirklich interessant. Man lernt sich und die Menschen im eigenen Umfeld noch einmal ganz anders kennen. Es kommen immer wieder andere Aspekte in den Vordergrund, die man bis dahin so nicht wahrgenommen hat.

Ich lerne einerseits meine Mitmenschen anders verstehen und oftmals lerne ich sie überhaupt kennen, wo ich früher mehr die Oberfläche ihrer Ausdrucksweise gesehen habe, und andererseits lerne ich mich selber immer weiter kennen. Äußere und innere Verhaltensmuster ändern sich.

Am Anfang der Reise war ich viel mit einem Abgeschnitten-Sein von mir selbst konfrontiert. Mit einem mich selber nicht fühlen können. Einer Flucht in eine innere Taubheit und Gefühlslosigkeit, die mich wohl schon lange begleitet hat, die jetzt aber benennbar und wahrnehmbar wurde und in vielen Übungen immer wieder auftauchte. Irgendwann fing die Taubheit an sich aufzulösen und sich in Gefühle umzuwandeln, wenn ich darauf guckte, besonders, wenn jemand anders sie wahrnahm und akzeptierte.
Inzwischen gehe ich mir selber weniger verloren und bleibe zunehmend präsent. Dafür stelle ich fest, wie sehr ich mir manchmal die Ohren zuhalten möchte, um nicht zu hören, was die Menschen um mich herum sagen und denken.
In bestimmten Situationen setze ich mir dann auch ganz ordentlich Giraffenohren auf, mit denen ich immer mehr Erfahrungen mache. Verbindungen vertiefen sich dann statt abzubrechen, ich kann so verhindern, dass ich den Kontakt zu mir und zu der anderen Person zugleich verliere.

Eine der wichtigeren Entdeckungen für mich ist, mich mit den eigenen Wolfsohren wirklich zu akzeptieren. Ich muss mir nicht verbieten, diejenige zu sein, die ich im jeweiligen Moment bin. Es ist schön, wenn es hier und da gelingt, sich mitsamt der eigenen Wolfsmentalität zu akzeptieren und den Wolf zu akzeptieren – als einen Ausdruck von Gefühlen und Bedürfnissen.

Seit kurzem habe ich einen wichtigen Teil ergänzen können, der mir lange gefehlt hat in diesen intensiven Situationen, wenn ich in einen empathischen Raum gehe, mit einer anderen Person. Ich habe es zunächst nur verstanden einer anderen Person Empathie zu geben, ohne auf die Person, die ich bin, einzugehen.

Nun gelingt es mir zusätzlich, nachdem die andere Person gehört wurde, den Gesprächsprozess dahin zu führen, dass auch ich gehört und gesehen werde.

Endlich habe ich gelernt zu sagen: Möchtest du gerne hören, wie ich dazu stehe? Und jetzt hört mir die andere Person mit Interesse zu und ich erhalte das Geschenk bei den Menschen anzukommen, die mir wichtig sind.
Endlich reden wir nicht mehr nur aneinander vorbei. Endlich kommen wir beieinander an und es findet ein echter Kontakt, eine echte Verbindung statt.
Nicht immer, ich finde es auch anstrengend, da es hohe Konzentration von mir erfordert, und wenn ich eine Situation gemeistert habe, ruhe ich mich die nächsten 80 Situationen, in denen es möglich und im Prinzip hilfreich wäre, aus. Ruhe mich aus, so gut es geht mit meinen Wolfsohren, für die ich mir Ohropax besorgen möchte, damit ich keinen Krach höre, bis die Giraffenohren ausreichend stabil geworden sind in meiner Alltagswelt zu bestehen.

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GFK mit Nazis? Eine starke Gemeinschaft im Rücken kann hilfreich sein!

Ein Beitrag von Rebecca:

Karen, dein Beitrag hat in mir vielfältige Emotionen ausgelöst und weil es ein Thema ist, das mich auch sehr beschäftigt, möchte ich gerne eine Erwiderung darauf schreiben.
Erst mal bin ich sehr dankbar, dass du die Mühe auf dich genommen hast, dich auf dieses Thema aus GfK-Sicht einzulassen und deine Gedanken für uns aufzuschreiben. Ich freue mich über den Austausch darüber, wie man sich mit GfK-Hintergrund in das politische Geschehen einbringen kann.

Die Beschäftigung mit der GfK hat dich zu der Frage geführt: “Was unterscheidet ‘Wir wollen Euch Muslime nicht’ von ‘Wir wollen Euch Nazis nicht’?” und weiter schreibst du: “Ehrlich gesagt denke ich gerade oft: Wir machen es gerade nur schlimmer. Umso weniger wir ‘sie’ hören und verstehen wollen (und ich meine ihre Bedürfnisse und Gefühle hören, nicht die Beleidigungen und die Hetze), desto weniger verstanden fühlen sie sich und desto wütender werden sie.”

Du nennst einige Bedürfnisse, die du in Auseinandersetzungen mit Nazis besonders spürst: Frieden, Wertschätzung, Respekt, Sicherheit und Gleichwertigkeit. Aus deinem Beitrag, gerade aus den oben genannten Zitaten, lese ich heraus, dass es dir sehr wichtig ist, konsequent in Einklang mit deinen Überzeugungen zu leben. Ich vermute auch, dass du frustriert bist, weil du in der Strategie mancher Antifaschist*innen keine Perspektive siehst, zu einem nachhaltigen Frieden in der Gesellschaft zu finden. Meine weitere Vermutung wäre, dass du dir eine größere Effektivität in deinem politischen Engagement wünschst. Und es klingst für mich so, als seist du sehr besorgt, weil dir Stabilität und Frieden in der Gesellschaft wichtig sind und du dir Offenheit wünschst, alternative Konzepte wie die GfK stärker zu integrieren.

Als ich die oberen Textabschnitte las, fühlte ich mich erst mal fassungslos und enttäuscht. Wenn ich von brennenden Flüchtlingsheimen oder der Attacke auf das Leipziger Stadtviertel Connewitz höre, wünsche ich mir eine starke Verbindung und Verständnis zwischen den Menschen, die Kraft und Mut haben, auf der Straße gegen rechte Gewalt zu protestieren. Für dieses Engagement wünsche ich mir auch Wertschätzung, schließlich kann ich mir Schöneres vorstellen als meine freie Zeit auf Demos zu verbringen. Aber es ist mir wichtig, für den Schutz derer einzutreten, deren Leben und Sicherheit akut gefährdet sind und das sind meiner Einschätzung nach im Moment eindeutig Geflüchtete und weniger Nazis. Wenn ich jemanden schreien höre: Nazis raus!, bin ich im Zwiespalt. Ich fühle mich beruhigt, weil ich hinter diesem Satz das Bedürfnis nach einer friedlichen und offenen Gesellschaft höre und die Kraft, sich dafür einzusetzen. Andererseits fühle ich mich etwas mutlos, weil ich auch nicht an den nachhaltigen Erfolg der Strategie glaube, Menschen einfach wegzuwünschen.

Um zu beschreiben, welche Gefühle und Bedürfnisse bei mir auftauchen, wenn ich rechtes Gedankengut zu identifizieren glaube, schildere ich euch ein kurzes Beispiel: An meinem letzten Arbeitsplatz verbreitete ein Kollege seine Meinung darüber, wie wir von den Medien bezüglich der deutschen Geschichte angelogen würden. Er war der Auffassung, dass die Westmächte mindestens in gleichem Maße wie Hitler-Deutschland für den Zweiten Weltkriegs verantwortlich waren. Man könne den Mitläufern im Dritten Reich nichts vorwerfen, sie hätten eben einfach nur ein schönes Leben gewollt. Außerdem deutete er Verständnis für die Facebookseite “Anonymous” an, auf der z.B. Fotos von Flüchtlingen mit gehässigen Bildunterschriften zu sehen waren.

Wir hatten mehrere Gespräche darüber, während derer es mir immer schwerer fiel, in Kontakt mit meinen Bedürfnissen zu bleiben und ich mich mehr und mehr in eine Schockstarre zurückzog. Jetzt mit etwas Abstand würde ich meinen Zustand so beschreiben: Ich fühlte mich verzweifelt, weil mir ein ehrlicher Umgang mit der deutschen Geschichte sehr wichtig ist, um für die Zukunft lernen zu können, und aus Respekt gegenüber den noch lebenden Opfern. Ich fühlte mich verängstigt, weil ich das Vertrauen brauchte, dass die Gesellschaft, in der ich mich bewege, niemals Verschleppung, Folter und Mord von bestimmten Bevölkerungsgruppen tolerieren würde, auch nicht aus opportunistischen Gründen. Und ich fühlte mich sehr einsam, weil ich mich in meinem Team nicht darin unterstützt fühlte, die Aussagen des Kollegen kritisch zu hinterfragen.
GfK in Zusammenhang mit Rechten zu denken ist für mich sehr schwierig, weil da sehr starke Ängste hochkommen. Trotzdem ist es, mit viel Vorarbeit und einer starken Community im Rücken, für mich auch wünschenswert und vorstellbar, weil es mir so viel Hoffnung macht, das Verbindende zwischen allen Menschen spüren zu können, genau wie du es beschreibst, Karen.

Um mich da sicherer zu fühlen, wäre ich sehr interessiert daran, mich mit anderen konkret im Umgang mit Rechtsradikalismus zu üben. Besonders in hitzigen Situationen fühle ich mich oft nicht in der Lage, mit der nötigen Schnelle empathisch mit mir selbst und den anderen zu reagieren.Ich fände es auch schön, in der gesellschaftlichen Debatte auch für GfK-unkundige Menschen konkrete Vorschläge für mehr Gewaltfreiheit machen zu können.
Gerne würde ich erfahren, ob du, Karen, dir auch Unterstützung in dieser Richtung wünschst oder dich vielleicht schon in einem fruchtbaren Austausch mit anderen GfKler*innen befindest.
Ich würde mich auf alle Fälle freuen, auf diesem Blog über die Erfahrungen von Leuten zu lesen, die versucht haben, Menschen, die rechtes Gedankengut von sich geben, mit GfK zu begegnen.
Ich freu mich auf eure Inspirationen!

Scham

Die Schuldkiste verlassen

Ein Beitrag von Stefan Häfner (art-of-connection.com)

Politisch inkorrekte Witze: Wie man die Schuld- & Schamkiste verlässt

Ich saß letztens in einer Runde Jugendlicher und reihum wurden Witze erzählt, die jenseits jeglicher politischen Correctness waren:

Über Frauen, Jüdinnen und Juden sowie Homosexuelle. Ich war an der Reihe, sagte knapp, dass das nicht meinen persönlichen Werten entspreche und erzählte ebenfalls einen solchen Witz. Während ich das aufschreibe bin ich etwas ängstlich, weil mir wichtig ist, dass ich weiterhin als Mensch akzeptiert werde und dass meine Botschaft ankommt. Deshalb möchte ich Dich bitten, diesen Text bis zum Ende zu lesen, bevor Du Dir eine Meinung bildest:

Die Witzerunde war am späten Abend und nachdem sie aufgelöst wurde, ging ich ins Bett. Ich lag noch eine Weile wach und grübelte über die Situation. Zuerst schossen Urteile durch meinen Kopf:

• ‘Das hättest Du nicht sagen dürfen.’

• ‘Du hättest ein Machtwort sprechen sollen.

• ‘Du arbeitest zwar für Gleichberechtigung, aber in der Situation hast Du echt versagt.

Ich fühlte mich schuldig und schämte mich. Doch dann setzte ich dem Gedankenkarussell einen Stopp und erinnerte mich an den Prozess, den ich in meiner Ausbildung gelernt hatte:

Einerseits wünschte ich mir, ich wäre dafür eingestanden, dass mir Gleichberechtigung wichtig ist (unerfülltes Anliegen). Ich hätte zum Beispiel direkt ansprechen können, dass mir dieser Wert am Herzen liegt und gerade zu kurz kommt. Oder ich hätte die Witzerunde verlassen können. Gleichzeitig habe ich begriffen, warum ich mitmachte: Es war der erste Abend eines mehrtägigen Seminars. Ich leitete dieses Seminar mit zwei weiteren Trainer*innen. Ich wollte in der Gruppe ein vertrauenswürdiger Ansprechpartner auf Augenhöhe sein (erfülltes Anliegen). Ich wollte, dass die jungen Erwachsenen merken, dass ich sie nicht von oben herab korrigiere sondern Teil ihrer Gemeinschaft bin. Ich hoffte, dass sie mir dadurch in Zukunft auch dann zuhören würden, wenn ich Dinge anspreche, die ihnen nicht gefallen. Ich wollte Verbundenheit herstellen, bevor ich mit ihnen an Themen arbeite, von denen ich denke, dass sie wichtig für unser Zusammenleben sind.

Mit dieser Einsicht war ich erleichtert und gleichzeitig merkte ich, dass ich die Situation nicht stehen lassen konnte. Deshalb sprach ich sie am nächsten Tag in der Gesamtgruppe an: Ich erklärte mein hin- und hergerissen sein und legte offen, welche Wünsche dahinter steckten im Einklang mit meinen Werten sein versus Zugehörigkeit zur Gruppe und Augenhöhe. Es entfaltete sich ein kurzes Gruppengespräch infolgedessen ich erleichtert war: Ich hatte den Eindruck, gesehen zu werden und konnte gleichzeitig die Anwesenden fragen, wie es ihnen mit der Situation ging. Gemeinsam betonten wir, dass die Witze keine persönlichen Einstellungen widerspiegelten und arbeiteten heraus, dass es wichtig ist aufmerksam dafür zu sein, dass die meisten Witze über alle möglichen Gruppen herziehen, ausgenommen: Weiße, heterosexuelle Männer. Ich bin zuversichtlich, dass wir dadurch das Bewusstsein der Teilnehmenden schärfen konnten.

Mir ist klar, dass ich dieser ‘MännerGruppeangehöre und dadurch viele Privilegien genieße. Eines davon könnte sich darin äußern, dass ich in einer solchen Witze-Runde ruhig bleiben kann, weil ich nicht direkt betroffen bin. Ich vermute, dass viel mehr Ärger und Frust oder Hilflosigkeit in mir hochgestiegen wären, wenn ich einer Minderheit angehörte, über die gewitzelt wurde.

Was bedeutet mein Erlebnis für den Umgang mit Situationen, in denen Du unzufrieden mit dem bist, was Du gesagt oder getan hast?

Folgender 3-schrittiger Prozess hilft mir in Situationen, in denen ich mich schäme oder schuldig fühle. Ich möchte ihn mit Dir teilen, weil ich denke, dass er auch für andere Menschen Sinn ergeben kann. Die Prinzipien stammen aus der Gewaltfreien Kommunikation nach Dr. Rosenberg:

1. Hinter allem, was Du sagst oder tust stecken bestimmte Anliegen. Eine Liste mit möglichen Anliegen findest Du am Ende des Artikels

Bei mir waren das einerseits das Anliegen, auf Augenhöhe dazu zu gehören und andererseits der Wunsch, meinen Werten treu zu sein.

2. In einer Unwohl/Schamsituation hast Du etwas getan oder gesagt, was einem bestimmten Anliegen dient. Das Unwohlsein kommt daher, dass gleichzeitig ein anderes Anliegen zu kurz gekommen ist.

In der Witze-Runde habe ich Wert darauf gelegt, zur Gruppe dazuzugehören. Leider bin ich währenddessen nicht komplett im Einklang mit meinen Werten geblieben: Mein Wunsch, für Gleichberechtigung einzustehen, ist zu kurz gekommen.

3. Du kannst mit solchen Situationen umgehen, indem Du Dir zunächst bewusst machst, welches Anliegen erfüllt wurde. Daraufhin erforschst Du, welches Anliegen zu kurz kam. Wenn beide Anliegen auf dem Tisch liegen, kannst Du Dir überlegen, wie Du (in Zukunft) handeln oder sprechen möchtest, sodass beide erfüllt sind.

Ich habe mich dafür entschieden, das Thema in der Großgruppe erneut anzusprechen und offen zu legen, dass ich hinund hergerissen war. Außerdem bin ich mit der Gruppe in ein Gespräch darüber gegangen. Für zukünftige Situationen habe ich mir folgende Strategie zurecht gelegt:

Wenn es wieder in Situationen passiert, in denen ich denke, dass ich noch nicht als Teil der Gruppe akzeptiert wurde, dann möchte ich an solchen Witzerunden teilhaben und bevor ich meinen Witz erzähle kurz darlegen, dass er nicht meiner persönlichen Einstellung entspricht. Am Folgetag möchte ich das Thema dann in der Gesamtgruppe ansprechen, sodass Dialog und Nachdenken entsteht. Falls eine solche Witzerunde zu einem Zeitpunkt entsteht, wo ich bereits ein höheres Level an Zugehörigkeit und Augenhöhe in der Gruppe habe, eröffne ich sofort, dass ich hinund hergerissen bin und stoße einen Dialog darüber an, wie es den anderen Gruppenmitgliedern geht.

r mich bleibe ich damit bei einem Grundgedanken von Marshall Rosenberg:

Connection before correction.

http://art-of-connection.com/urteile/

Bildquelle: pexels.com

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Meine Welt gerät ins Schwanken

Ein Beitrag von Karen Nimrich

Meine Welt gerät ins Schwanken. Unter Freunden bin ich bekannt als kleine linke Antifaschistin, die gegen Nazis demonstriert, an Grenzen fährt und die Welt verändern will. Eigentlich ein Ruf, den ich immer gern hatte.

Und dann kam die GFK.

Meine Meinung hat sich eigentlich nicht geändert. Ich bin immer noch wütend, frustriert, hilflos, wenn ich höre oder lese, was manche Menschen über Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund, Nicht-Weiße schreiben oder sagen. Dinge, die ich nicht wiederholen möchte. Noch wütender werde ich, wenn Menschen angegangen werden, ihre zukünftigen Häuser angezündet werden, weil sie anders aussehen, eine andere Religion haben. Ehrlich gesagt, macht mir die Situation gerade Angst. Die AFD gewinnt an Zuspruch, mittlerweile darf man Sachen öffentlich sagen, bei denen mir das Grauen kommt.

Natürlich kommt die Frage auf, wie gehen wir damit um? Und wie sehe ich das alles mit Blick auf die Gewaltfreie Kommunikation?

Ich mag mir erstmal anschauen, was in mir und in anderen los ist, wenn wir Nazis blockieren und “Nazis raus” rufen.

Welche Gefühle habe ich? Bei mir entdecke ich erstmal Wut. Wut und irgendwie auch Aggression. Beides entsteht aus einer Hilflosigkeit. Welche Bedürfnisse sind die Ursache meiner Gefühle? Ich wünsche mir so sehr ein friedliches Zusammenleben. Wertschätzung gegenüber jeder Person, unabhängig von Hautfarbe, Religion, Herkunftsland. Auch Respekt, Sicherheit und Gleichwertigkeit! Vermutlich kommen auch noch Harmonie und Vertrauen hinzu. Vielleicht auch noch etwas ganz anderes…

Und ja, ich fühle mich so hilflos. Da ist beispielsweise eine Gruppe von Menschen, die jemanden aufgrund der Religion verurteilen, angreifen, hier nicht haben wollen.
Und ich hab keine Ahnung, wie kann ich denen zeigen, dass ich es doof find, was sie denken, sagen, tun? Wie kann ich dem Rest der Bevölkerung klar machen: “Bitte! Denkt nicht so. Das kann nicht gut gehen. Ich will so was nicht” Eine häufig gewählte Strategie: Sitzblockaden, Gegendemonstrationen. Signalisieren: Wir wollen Euch hier nicht.

Vor kurzem habe ich in einer Ausstellung ein Video gesehen, in dem aus einer Schrift von Anders Behring Breivik vorgelesen wurde. Es war krass, sich mal auf seine Denkweise einzulassen. Und gleichzeitig war es spannend zu merken: Er hat in sich logisch gehandelt. Er sieht eine ganz große Gefahr darin, wenn viele Muslime/Araber nach Deutschland kommen. Er hat Sorge, dass ein Bürgerkrieg ausbricht. Alle die, die sich dennoch für Geflüchtete einsetzen oder Muslimen gegenüber positiv eingestellt sind, sind in gewisser Weise mit verantwortlich für den Krieg. Sein Gedanke und seine Strategie: Wenn ich jetzt die paar Menschen töte, die hier eine Willkommenspolitik leben (die uns ins Verderben stürzt), bewahre ich die Welt vor Schlimmerem.

Da ist mir eins klar geworden: Ich würde nie auf die Idee kommen, Menschen zu töten, aber worin unterscheidet sich unsere Denkweise? Was unterscheidet sein Denken von meinem „Wenn alle Nazis weg sind, ist die Welt eine bessere, bzw. ich verhindere Schlimmeres“? Was unterscheidet „Wir wollen Euch Muslime nicht“ von „Wir wollen Euch Nazis nicht“?

Mein erster Impuls und vermutlich der Gedanke vieler ist: Wenn Nazis nicht gegen Muslime/Ausländer wären, hätte ich ja auch nichts gegen sie. Das erscheint auch mir als logisch. Und gleichzeitig fange ich an zu denken: Aber bringt uns das weiter? Und wenn nein, was dann? Und mir fällt ein, was Marshall B. Rosenberg über Adolf Hitler gesagt hat:

„Als ich diese Arbeit der Gewaltfreien Kommunikation begonnen habe, wusste ich, ich würde dieser Arbeit nicht trauen können, wenn sich diese Grundsätze nicht auch auf Hitler anwenden ließen. Ich dachte, die Methode ist nur etwas wert, wenn ich auch für Hitler Verständnis und Empathie würde aufbringen können. Deshalb habe ich alles über Hitler gelesen, was ich finden konnte. Ich wollte verstehen, was in diesem Mann vorging. (…) Die Indoktrination, mit der er aufgewachsen ist, und die, mit der ich aufgewachsen bin, liegen übrigens gar nicht so weit voneinander weg. Hitler hat gelernt, dass Juden schlechte Menschen sind, und mir ist eingeimpft worden, dass die meisten Menschen um mich herum keine Juden mögen und deshalb schlechte Menschen sind. Und deshalb waren Nicht-Juden grundsätzlich böse. Mit anderen Worten: Mir wurde eine ähnliche Denkweise vermittelt wie Hitler – der Unterschied lag nur in der Identifikation des Bösen. (…) Aus seiner Sicht hat Hitler überhaupt nichts Schlimmes getan, sondern er hat heldenhaft dafür gesorgt, dass die Welt von „Ungeziefer“ befreit wird. (…) Ich weiß, wie schwer das für die Deutschen ist. Seit ich auch in Deutschland arbeite, bin ich immer wieder mit den massiven Schuldgefühlen der Deutschen konfrontiert worden. In jedem Workshop kommt dieser Schmerz zur Sprache, den so viele Menschen spüren, in deren Familien Nazis waren. Und ich muss mir jedes Mal auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen: „Aber warum fühlt ihr euch denn dafür schuldig?! Ihr wart doch nicht mal dabei!“ Aber es reicht, dass ihre Vorfahren dabei waren. Es reicht ihnen oft sogar, dass sie Deutsche sind, um sich schuldig zu fühlen. (…) Wissen Sie, Schuldgefühle führen dazu, dass die Menschen denken, sie seien nicht in Ordnung so, wie sie sind – und das hilft niemandem. Aber ich wünschte, sie könnten Traurigkeit spüren, Traurigkeit und Trauer über das was sie, bzw. ihre Vorfahren, getan haben.“ *

Gehen wir also davon aus, dass jeder Beschimpfung, jeder Kritik, jeder Beleidigung ein unerfülltes Bedürfnis zugrunde liegt, kommt die große Frage auf: Welches Bedürfnis ist bei „einem Nazi“ nicht erfüllt?

Mir kommen Dinge in Kopf wie: Sicherheit und Schutz. Vielleicht auch ein Wunsch nach Beständigkeit oder Verständnis. Da merke ich: Oh ja, diese Bedürfnisse habe ich auch. Der Unterschied ist nur: Ich sehe sie momentan nicht in Gefahr. Ich habe auch Fragen, wie es wird. Viele verschiedene Kulturen und Prägungen treffen aufeinander. Aber ich habe so sehr den Wunsch nach Austausch, Lernen, Entwicklung, Kontakt. Und: Mein Bedürfnis nach Sicherheit ist bisher immer noch erfüllt.

Ich fange an zu zweifeln, ob unsere Strategie: „Nazis, wir wollen Euch hier nicht“ zu einem wertschätzenden, respektvollen Umgang auf Augenhöhe führt. Kann ich von jemandem erwarten, wertschätzend und verständnisvoll zu sein – wenn ich es nicht bin? Vielleicht sollten wir wirklich die „Sorgen ernstnehmen“. Nicht gutheißen, was sie sagen, aber hinter den Aussagen die Bedürfnisse hören, lesen. Ins Gespräch kommen.

Ehrlich gesagt denke ich gerade oft: Wir machen es gerade nur schlimmer. Umso weniger wir „sie“ hören und verstehen wollen (und ich meine ihre Bedürfnisse und Gefühle hören, nicht die Beleidigungen und die Hetze), desto weniger verstanden fühlen sie sich und desto wütender werden sie.

Mir fällt es noch schwer, aber irgendwann möchte ich allen auf Augenhöhe begegnen. Vielleicht irgendwann mal einen Workshop machen mit Rechts-und Linksextremen. Ich meine damit nicht: „Es ist okay. Hetzt ruhig. Ich übersetz das für Euch.“ Ich will das immer noch nicht hören. Aber vielleicht können wir alle lernen, anstatt zu hetzen, zu verurteilen und zu verallgemeinern, darüber zu sprechen, wie es uns geht und was wir brauchen.

Ich hoffe, wenn wir irgendwann (im Bewusstsein unserer Werte) aufeinander zugehen, entsteht weniger Spaltung und dafür mehr Verbindung, Verständnis und Gemeinschaft, die alle einbezieht.


* Marshall B. Rosenberg, Konflikte lösen durch Gewaltfreie Kommunikation – Ein Gespräch mit Gabriele Seils, Herder 2004

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Mein GFK-Monat: In Halle, Leipzig, Düsseldorf und virtuell

Ein Beitrag von Marius Fischer

Nachdem ich sechs Monate im überregionalen Orgateam mitgewirkt habe, ging es am 1.April endlich los: Der GFK-Monat um 30 Jahre Gewaltfreie Kommunikation im deutschsprachigen Raum zu feiern, startete.

Den Abend verbrachte ich im Haus der Demokratie Leipzig, wo das Netzwerk aus der Region Halle/Leipzig die regionalen Events mit einer Abendveranstaltung eröffnete. Es wurde der regionale GFK-Film gezeigt, Gabriele Seils gab einen Vortrag über ihre Begegnungen mit Marshall Rosenberg und die Anbieter der verschiedenen Events stellten sich vor. Außerdem wurden „GFK-Erfolgsgeschichten“ erzählt, von aktiven Menschen aus der Region, die die GFK unter anderem im Gefängnis trainieren oder Workshops in Osteuropa anbieten. Der Abend endete mit mehreren gemeinsamen interaktiven Gefühlstheaterübungen.

Kaum Zeit zu verschnaufen, durfte ich am Abend des 2.4. das Webinar mit Christian Rüther moderieren. Das war zeitweise gar nicht so einfach, dem Inhalt zu folgen, Fragen im Chat nicht zu verpassen und der Internetleitung Mut zuzureden, nicht schlapp zu machen.

Sechs Tage später das gleiche Spiel, als Sascha und Tilman wieder nicht konnten und ich das Webinar mit Edith Sauerbier moderierte. Hat beide Male sehr viel Spaß gemacht.

Unabhängig vom GFK-Monat hatte ich Mitte April den nächsten Termin meiner Fortbildung in Düsseldorf, wo ich wieder ein Wochenende im geschützten Raum die Giraffensprache trainieren konnte. Inzwischen stelle ich auch fest, dass es mir im Alltag immer öfter gelingt, nach Bedürfnissen zu Fragen und empathisch zuzuhören.

Die letzte Woche des Aprils hatte es dann auch wieder in sich, einen Abend begann die philosophische Sommergesprächsrunde Halles „Dialog unter freiem Himmel“ mit dem Thema „Was ist Gewaltfreie Kommunikation“, bei dem wir uns vor allem über die Haltung hinter der Theorie unterhielten. Zwei Tage später, einen Samstag, durfte ich wieder moderieren, allerdings nicht im virtuellen Raum, sondern im Peißnitzhaus in Halle wo das Netzwerk ein Giraffenfest veranstaltet hat, mit Infoständen, Tanz, Musik, Lesungen, diversen Empathiespielen und einem Empathieraum. Und wieder zwei Tage später habe ich dann als Assistent das erste Mal bei einem GFK-Training auf der Trainerseite gesessen.

Nun ist der April schon über eine Woche her, in der wir uns auch alle eine bisschen erholt haben und den Kopf anderen Dingen gewidmet haben. Und nun wird, genau wie die Monate vor dem GFK-Monat, wieder Arbeit folgen. Immerhin will die Homepage aktualisiert werden, wir brauchen konkrete Visionen wie es jetzt mit dem GFK-Portal weitergeht, der Blog soll bestehen bleiben und die Webinar hochgeladen werden.

Wir werden also weiterhin sichtbar sein und ich hoffe, dass die deutschsprachige GFK-Community den Schwung aus dem GFK-Monat nutzen kann um weiterhin mehr und mehr Menschen die „Sprache der Bedürfnisse“ vorzustellen.

Ich hoffe ihr habt auch vielfältige Eindrücke im letzten Monat sammeln können und wünsche mir, dass es keine einmalige Sache gewesen ist. Ich bin gespannt wie es weitergeht!

Bildquelle: https://pixabay.com/de/zebra-gnu-giraffe-afrika-namibia-1170177/

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Video: Gewaltfreie Kommunikation feiern

Seit Dezember 2015 gibt es diesen GFK-Blog, seitdem werden ein bis zwei Artikel pro Woche veröffentlicht.

Es war die ganze Zeit ein bunter Mix: Erfahrungsgeschichten, Gedichte, Tipps und Anwendungshinweise, politische Texte, Märchen und Lieder. Und heute kommt sogar ein Video dazu!

Das Video wurde für den GFK-Monat 2016 gedreht. Es wird gezeigt, worum es in diesem April geht, nämlich um das Feiern der Gewaltfreien Kommunikation.

Gedreht wurde es in der “GFK-Metropolregion Halle/Leipzig”, vom dortigen GFK-Netzwerk. Sie haben auch ein kleines regionales GFK-Portal veröffentlicht, zu finden unter www.gfk-bewegt.de.

Viel Spaß beim Schauen!!

 

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Wie Bitte? Aus dem Tagebuch einer Führungskraft

Ein Beitrag von Lorna Ritchie (Gratis-Webinar am 22.April)
Heute war mal wieder ein Tag zum Freuen und zum Weinen zugleich!
Ok, zuerst habe ich mich richtig gefreut.
Nach einigen Workshops, ein paar Büchern und viel Austausch in Übungsgruppen, habe ich es
echt “gi-rafft”, dieses Ding mit den Gefühlen und den Bedürfnissen. Heute kam die Sekretärin und
sagte mir, sie möchte schon nach Hause gehen, ihre Mutter habe angerufen, gleich wieder
aufgelegt und sei jetzt nicht erreichbar. Da kam mir ganz schnell über die Lippen “machst Du Dir
Sorgen und möchtest Gewissheit haben, was los ist?”. Sie brauchte nur noch nicken und war
sichtlich gerührt.
YAY! GFK im Einsatz! Gi-rafft!
Na ja, Zweifel habe ich aber schon….was wäre denn früher, bevor ich die GFK kennenlernte,
anders gewesen? Da hätte ich wahrscheinlich auch nur gesagt, “klar, schau nach ihr”. Was war
daran denn so viel schlechter? Eigentlich nichts. Ich hätte die Sekretärin verstanden, das Ergebnis
wäre gleich – sie geht früher nach Hause. Sieht beim ersten Hinschauen gleich aus. Wir hätten uns
auch so verstanden.
Aus Sicht der GFK hat die Sekretärin eine Bitte geäußert…”hast Du etwas dagegen, wenn ich jetzt
schon meinen Arbeitstag beende?” Es ist üblich im Alltag, dass wir vermuten, was unser
Gegenüber will. Wenn wir das so wollen. So wie die Metapher mit dem Salz. Wenn ein Gast am
Tisch nach dem ersten Löffel Suppe den Kopf hebt und suchend über den Tisch schaut, ist es
nicht nötig, dass er sagt “wenn ich die Suppe im Mund schmecke, so ist es etwas fad, ich brauche
Würze, kannst Du mit bitte den Salzstreuer reichen?” Das wäre umständlich und nicht alltagsnah.
Ein suchender Blick reicht. Wenn ich so sprechen würde, wäre es ja logisch, wenn mich jemand
dann seltsam findet.
Also warum will ich denn diese GFK in meinem Alltag am Arbeitsplatz anwenden? Verstehen kann
ich vieles, ich bin therapeutisch ausgebildet, wir arbeiten im sozialen Sektor, ich bin ja nicht schwer
von Begriff. Allerdings habe ich etwas beobachtet……schwer zu beschreiben, aber es gibt eine Art
Verschiebung in der Qualität des Miteinanders, wenn Gefühle benannt werden. Und wenn dann
Bedürfnisse vermutet werden, auch wenn sie nicht stimmen, ist die Klarheit so stark…wir reden
über das, was wirklich gemeint ist. Und es gibt mehr Blickkontakt. Meist gefolgt von Entspannung.
Ganz ehrlich, ich fühle mich dann einfach gut…und das darf ich auch, obwohl….oder vielleicht
gerade weil ich Führungskraft bin. Mir soll ́s ja auch gut gehen!
Ok, Verständnis steigern im stressigen Arbeitsalltag, ja das ist hilfreich. Als Führungskraft weiß
ich….. die Mitarbeiter brauchen Motivation über Rückmeldungen und positive Ansprache. Wenn sie
sich verstanden fühlen, leisten sie ihre Arbeit mit mehr Engagement und Freude. Also lerne ich
“gute Worte” und signalisiere, ich verstehe sie. Aber so einfach ist das nicht…..es geht darum,
wie ich dieses Verstehen zum Ausdruck bringe.
Also zum Kollegen, der sich über eine Kundin beschwert, die einen Termin platzen lässt, zu
sagen…”Du möchtest, dass es Wertschätzung und Respekt gibt und Deine Zeit auch effektiv
genutzt wird?” …und zack…..der beruhigt sich und sagt, ” ja …ich will nicht, dass mein Einsatz
umsonst ist. Ich will wirklich effektiv sein”. Und schon ist die Kundin nicht mehr Thema und er
beginnt zu überlegen, wie er seine neu gewonnene Zeit (der geplatzte Termin) effektiv nutzen
kann.
Es ist so viel leichter für mich zu “führen”, seitdem ich Bedürfnisse anspreche….es scheint mir so,
als ob es direkt ins Herz geht und die Kollegin/der Kollege kann ganz sicher gehen, ich habe
zugehört und verstanden. Und auch ich bin glücklich, es wird nicht mehr so viel im Büro über
Andere gemeckert. Das mag ich sehr! Und das ist das Besondere…..das, was anders ist mit dieser
GFK. Früher dachte ich, Rosenberg lehrt mich wie ich andere, gewaltfreie Worte finde. Jetzt habe
ich es…es geht nicht nur darum, Andere besser zu verstehen, in Verbindung zu kommen, sondern
dass auch ich mit mir, in mir, zufrieden und erfüllt bin.
Und die Bitte?
Muss diese denn ausgesprochen werden? Wenn ein Mitarbeiter mir sagt, er ist
gestresst und braucht mehr Zeit für die Abgabe eines Projektberichtes. Dann weiß ich doch, was
er will. Oder nicht? Da habe ich ihm doch gleich letzten Donnerstag einen Tag mehr Zeit gegeben
und der war gar nicht glücklich. Naja, wenn er direkt gefragt hätte, für eine Verlängerung der
Abgabefrist von xyz Tagen….wäre das sicher auch gegangen, das hätte ich auch genehmigt. Wenn
er nicht fragt, dann mache ich doch einen Vorschlag! Nach seiner Reaktion, hätte ich ja auch
nachhaken können…..er schien nicht so zufrieden….aber ich war echt in Eile. Bin mal gespannt,
wann er nun abgibt.
Eine schwierige Situation war heute im Projektausschuss:
Als Herr B., ein Schulleiter, sich weigerte bei dem geplanten Projekt für obdachlose Jugendliche
mitzumachen, obwohl es nichts gekostet hätte, waren alle anderen im Ausschuss richtig sauer. Es
ging doch nur um einen Raum in der Schule. Er hatte letztes Jahr zugesagt! Nur einmal im Monat.
Der Geschäftsführer des Jugendzentrums warf mit Urteilen nur so um sich und zweifelte an, ob der
Schulleiter mit seiner Anwesenheit richtig wäre in diesem Entscheidungsgremium. Gespannte
Stimmung. Wieder mal eine lange Sitzung! Worum ging es hier eigentlich?
Ich habe vermutet, dass es Herrn B. um den Schutz der Schüler r/innen und das Ansehen der
Schule in der Öffentlichkeit geht. Mir war bekannt, dass es letztes Jahr einen Vorfall mit
schulfremden Jugendlichen in der Schule gegeben hatte, schlechte Schlagzeilen in der
Lokalzeitung und der Schulleiter wollte sich nur an Projekten beteiligen, die direkt etwas mit
“seinen” Schülern zu tun haben. Als ich diese Vermutung äußerte, entspannte sich zwar die
Situation, der Schulleiter erzählte nochmal über den Vorfall……sagte, das Projekt sei ja auch
wichtig, und es gingen wieder die Argumente für oder gegen den Raum in der Schule los…….aber
mir ging nur eine Frage im Kopf rum: Was könnte denn nun der nächste Schritt für das geplante
Projekt sein? Wir brauchten einen Raum, sonst verfällt die Projektzuwendung. Was war eigentlich
die Bitte? Hatte der Schulleiter eine Bitte an uns geäußert? Ihn zu verstehen. Ja. Und ihm zu
glauben, dass er das Projekt auch wichtig findet. Mmmm.
Ich vermutete….
“Sie möchten, dass das Projekt stattfinden kann, wollen es zwar unterstützen, aber brauchen auch
den gesicherten Schutz für Ihre Schule (inklusive Schülern). Kann es sein, Sie würden uns helfen,
einen anderen Raum im Bezirk zu finden, damit das Projekt stattfinden kann?
“JAAA, genau!” Und Erstaunen im Ausschuss. Da hatte auch der Schulleiter gleich eine Idee…die
Kirche um die Ecke hatte einen Gemeinschaftsraum, der an einem Tag pro Woche ungenutzt war.
Er würde dort nachfragen.
Ok. Dann war auch das, was heute nicht so gut lief.
Ich mal wieder bis 20.00 am PC im Büro gesessen….die Überweisungen noch vor Monatsende
erledigen. Der Tag war echt anstrengend gewesen…und die Sekretärin war ja früher weg, also war
ich auch im Telefondienst und konnte meine Sachen nicht so leicht nacheinander abhaken. Am
grünen Donnerstag….kurz vor Ostern ….alle anderen waren schon längst weg. Und ich sitze da,
mache Pause und spiele Solitaire! Mein Partner rief an, er wolle losfahren ins
Wochenendhäuschen, ob er mich abholen solle? Nee! Wird nichts, Ich komme morgen früh raus
und bringe frische Brötchen mit. Ich kann doch nicht jetzt weg… und allein im Dunkeln die
Landstraße langfahren… mit meinen müden Augen… heute Nacht bleibe ich noch in der Stadt.
Gott sei dank, konnte er nicht sehen, dass ich nur am PC spiele.
Aufgelegt.
Was war denn das? Wieso lüge ich? Und wen lüge ich eigentlich an? Ich mache mir einen Tee und
denke nach. Also..Gefühl? Frustriert und müde, Zeitdruck im Nacken.
Aber ich spiele doch nur am PC rum!
Bedürfnis…?…will Entspannung…mir etwas Gutes tun, mich belohnen nach dem schweren Tag.
Tja…die Bitte, die Bitte……was wäre eine passende Bitte? “Die Bitte ist ja auch eine Strategie, um
ein Bedürfnis zu erfüllen”. Das hatte ich noch vom Workshop im Ohr. Das ist es also, was ich da
mache….ich spiele Solitaire, um mich zu entspannen… mmmh….jetzt mal ganz ehrlich …ist das die
beste Strategie?
Wenn ich also ganz ehrlich mit mir war, so war es das nicht. Viel besser, ich würde schon vor dem
Kamin sitzen mit einem heißen Tee und Blick auf die Bäume, den nassen Gartengeruch in der
Nase. Und was ist mit den Überweisungen? Na ja, die Bank wird sie wohl erst am Dienstag
bearbeiten… ist ja Ostern. Also fass ich mir ein Herz… und rufe meinen Partner gleich wieder
zurück. “Du, wenn Du mir noch eine halbe Stunde gibst, dann fahre ich doch mit Dir raus, kannst
Du mich abholen?”
Eine Bitte an mich selbst also. Das ist es! Ich kann immer prüfen, ob meine gewählte Handlung
wirklich passt zu dem, was mir wichtig ist. Stattdessen hatte ich da gesessen, fühlte mich erschöpft
und hatte noch ein schlechtes Gewissen…ha! Anstatt damit fortzufahren, bat ich mich selbst
darum, meine Entscheidung zu ändern und dann noch die Bitte an meinen Partner… mich zu
unterstützen.
“Holst Du mich um 20.30 ab?”
Das war konkret, nachvollziehbar und machbar.
YAY!
Mmmm… jetzt kann ich noch überlegen, ob ich mein Schamgefühl überwinde und ihm davon
erzähle, was wirklich los war und wie ich zu meinem Rückruf kam. Oder ich genieße einfach das
Wochenende im Grünen. Entspannung, Erholung, Genuss. Und übe mich darin, mir selbst zu
verzeihen.
Tja, dafür könnte ich wohl noch einen GFK-Workshop besuchen…
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Bildquelle: https://unsplash.com/photos/CetB-bTDBtY